17. August 2026 | Evangelische Akademie Frankfurt
Wenn der Brief kommt
Politische Jugendbildung zwischen Orientierung, Gewissensbildung und demokratischer Verantwortung
Seit 2026 bekommen tausende junge Erwachsene Post von der Bundeswehr. Für viele kommt dieser Brief in einer Zeit, die ohnehin von Unsicherheit geprägt ist: Krieg in Europa, Sorgen um die eigene Zukunft und das Gefühl, bei politischen Entscheidungen nicht mitreden zu können. Viele Jugendliche haben die Diskussion um den neuen Wehrdienst als Debatte erlebt, die vor allem über sie, aber selten mit ihnen geführt wurde. Die sicherheitspolitischen Veränderungen der vergangenen Jahre sind für sie keine abstrakte politische Entwicklung. Sie werfen konkrete Fragen auf: Was bedeutet das für mein Leben? Welche Möglichkeiten habe ich? Und wie positioniere ich mich selbst dazu? Während die öffentliche Debatte häufig entlang eines „dafür oder dagegen“ geführt wird, brauchen Jugendliche Räume, die ihre Fragen, Ängste und Orientierungsbedarfe ernst nimmt ohne vorgefertigte Antworten zu liefern.
Genau hier setzte das Jugendforum „Wenn der Brief kommt. Dein Dienst? Deine Gedanken. Deine Entscheidung.“ an, das im Juni in der jugend-kultur-kirche sanktpeter in Frankfurt stattfand. Das Pilotprojekt verstand sich als Beitrag zur Frage, wie politische Jugendbildung junge Menschen angesichts eines gesellschaftlich hoch umstrittenen Themas unterstützen kann.
Ein Thema, das auch die Träger herausfordert
Schon bei der Vorbereitung zeigte sich: Das neue Wehrdienstgesetz stellt nicht nur Jugendliche vor Fragen. Auch die Träger politischer und kirchlicher Jugendbildung mussten sich zunächst darüber verständigen, wie sie das Thema aufgreifen wollen. Seit Dezember 2025 arbeiteten die Evangelische Akademie Frankfurt, der Landesverband Evangelische Jugend Hessen, die Evangelische Jugend in Hessen und Nassau, das Stadtjugendpfarramt Frankfurt und Offenbach und die jugend-kultur-kirche sankt peter im Rahmen eines Kooperationsverbunds an der Konzeption der Veranstaltung. Dabei wurden grundsätzliche Fragen diskutiert: Was brauchen Jugendliche jetzt? Welche Aufgabe hat politische Jugendbildung in dieser Debatte? Und wie deutlich sollen eigene institutionelle Haltungen sichtbar werden?
Rückblickend war dieser gemeinsame Verständigungsprozess selbst ein wichtiger Erfolg des Projekts. Die beteiligten Organisationen schufen einen Raum, um den eigenen Bildungsauftrag zu reflektieren. Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Konfliktlinien ist diese Form institutioneller Selbstverständigung ein wichtiger Bestandteil professioneller Bildungsarbeit.
Orientierung statt Positionierung
Das Jugendforum verzichtete bewusst auf das klassische Muster einer Pro-und-Contra-Debatte. Es ging darum, junge Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigene Haltung zu entwickeln. Dafür verband die Veranstaltung politische Informationen, persönliche Beratung und Möglichkeiten zur Beteiligung. Die Perspektive der Jugendlichen bildete den Ausgangspunkt. Ziel war es, einen niedrigschwelligen Zugang zu Informationen, Austausch und individueller Orientierung zu schaffen. Passend dazu setzte das Jugendforum auf eine offene und einladende Atmosphäre. Musik, Eis, Getränke und lockere Begegnungsmöglichkeiten machten den Einstieg leicht.
Fachliche Impulse aus Politikwissenschaft, Resilienzforschung und Jugendverbandsarbeit eröffneten unterschiedliche Perspektiven auf das Wehrdienstgesetz und seine möglichen gesellschaftlichen Folgen. In längeren Austauschphasen konnten die Jugendlichen Beratungs- und Informationsstände besuchen, an denen Themen wie Gewissensentscheidungen, rechtliche Fragen oder Freiwilligendienste behandelt wurden. Besonders gut angenommen wurden die interaktiven Angebote. Bei einem Meinungsbarometer konnten die Teilnehmenden ihre Positionen sichtbar machen, ein Faktencheck half dabei, Informationen einzuordnen, und an einer Kreativstation wurde zu Hoffnungen und Ängsten gebastelt. So entstand ein Forum, das Information, Reflexion und persönliche Orientierung miteinander verband. Dass ein solcher Raum gebraucht wird, zeigte sich deutlich im Verlauf der Veranstaltung. Besonders intensiv genutzt wurde die Möglichkeit, rechtliche Fragen mit einer Juristin zu besprechen und Informationen über eigene Rechte und Pflichten zu erhalten. Viele Jugendliche brachten ihre Unsicherheiten offen zur Sprache und suchten Orientierung für die bevorstehende Entscheidung.
Was politische Jugendbildung daraus lernen kann
Besonders bemerkenswert ist die Rückmeldung vieler Jugendlicher, sich nach der Veranstaltung besser in der Lage gefühlt zu haben, eine selbstverantwortete Entscheidung zu treffen. Das Thema Wehrdienst macht deutlich, wie wichtig Formate sind, die politische Informationen, ethische Fragen und persönliche Beratung miteinander verbinden. Offene Gesprächsräume und echte Beteiligungsmöglichkeiten helfen Jugendlichen dabei, mit Unsicherheiten umzugehen und ihre eigene Position zu finden.
Für die beteiligten Träger ist das Jugendforum ein erster Schritt. Die Erfahrungen sollen ausgewertet und für die Weiterentwicklung entsprechender Bildungsangebote genutzt werden. Schon jetzt erscheint es gut vorstellbar, das Format erneut anzubieten, wenn der nächste Jahrgang seinen Brief erhält. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Projekts lautet: Wenn gesellschaftliche Entscheidungen das Leben junger Menschen unmittelbar berühren, brauchen sie vor allem Orte zum Nachfragen, Nachdenken und Diskutieren. Orte, an denen Unsicherheiten ausgesprochen werden dürfen und eigene Haltungen entstehen können. Politische Bildung kann solche Räume schaffen und damit einen wichtigen Beitrag zu demokratischer Verantwortung und Urteilskraft leisten. Damit unterstützt sie Jugendliche informiert, reflektiert und verantwortungsvoll selbst zu entscheiden.
Kontakt: Annette Lorenz
