Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
28. Juli 2025 | Ev. Akademie zu Berlin & Ev. Akademie Hofgeismar

Stadt als Ort politischen Lernens

Provokationen, Enthüllungen und Methoden


Urbanität ist charakterisiert von Differenz, Anonymität und flüchtigen Begegnungen, gebauter Umwelt und umkämpfter Ordnung. Was können wir lernen beim Erkunden der Stadt?

Eine Gruppe steht im Eingangsportal der Deutschen Bank und spielt 1,2, oder 3. Die Wände sind glatt, glänzend – die hohen Türen imposant, aber verschlossen. Es handelt sich um Multiplikator*innen der politischen Bildung, die drei Tage lang erkunden, wie methodisch vielfältig der städtische (semi-)öffentliche Raum als Ort des politischen Lernens genutzt werden kann. Während die Leitung des Stadtrundgangs „Klimakiller Berlin Mitte“ sie hier zu Einschätzungen von Energieprojekten auf dem afrikanischen Kontinent mit Quizfragen befragt, ernten sie strenge Blicke eines Wachmanns, der das Eingangsportal des Bankgebäudes kontrolliert. Wir sind hier nicht erwünscht. Nach ein paar Minuten ist der Geduldsfaden des Wachpersonals ausgereizt, und wir müssen das Gebäude verlassen.

Was zeigen uns Städte? Urbanität ist charakterisiert von Differenz, Anonymität und flüchtigen Begegnungen, gebauter Umwelt und umkämpfter Ordnung. Was können wir lernen beim Erkunden der Stadt? Das Seminar „Stadt als Ort politischen Lernens“ fand im Mai in Berlin statt und ist eine Kooperation der Evangelischen Akademie zu Berlin, der Evangelischen Akademie Hofgeismar und der Berliner Landeszentrale für politische Bildung.

Was provoziert die Stadt?

Als sozialer Raum, der mehr als andere Räume von Heterogenität und Dichte gekennzeichnet ist, konfrontieren Städte uns mit Differenz. Ungefragt und wenig kontrollierbar treffen wir auf Verhaltensweisen, Lebensstile, Ästhetiken, die sich von jenen unterscheiden, mit denen wir vertraut sind, die uns ähneln und unserer Lebensweise entsprechen. Diese Differenzerfahrung ist ein vielversprechender Ausgangspunkt, um sich mit Fragen gesellschaftlichen Zusammenlebens auseinanderzusetzen und dessen Normen, Regeln und Machtstrukturen nicht nur abstrakt, sondern konkret zu beobachten und emotional zu erfahren. Der Diskussion mit den Teilnehmenden folgend, betrifft dies auch insbesondere die Frage nach freier Entfaltung von individuellen Bedürfnissen und ein Potential für Anerkennung der eigenen Identität – da städtische Räume gesellschaftliche Minderheiten zusammenbringen können, die in weniger besiedelten und kleineren Sozialräumen noch isolierter wären.

Urbaner Raum und städtische Orte eigenen sich für politisches Lernen, weil hier in konkreten (Lebens-)situationen, anhand spezifischer, greifbarer Problemlagen und in realen Konflikten das Politische erfahrbar werden kann (vgl. JoDiDD 2024). Macht wird räumlich greifbar, wenn wir in glatten Eingangshallen ganz konkret, real erleben, dass es unsichtbare Barrieren, verschlossene Türen und einschüchternde Architektur gibt. Durch das Eintauchen in städtische Räume, die Interaktion mit den Menschen, Dingen, räumlichen Arrangements vor Ort können Menschen darin gestärkt werden, sich selbst und die Welt zu verstehen – auf rationaler, aber vor allem auch emotionaler Ebene. Perspektivwechsel erfolgen durch die Konfrontation mit städtischer Heterogenität und durch das Aufzeigen unterschiedlicher Blicke auf denselben Raum, in dem die Lernenden ihre Situiertheit in der Welt sprichwörtlich erleben und durch andere Blickwinkel und Standpunkte erweitern können.

Was enthüllt die Stadt?

Während des Seminars ging es viel um die Auseinandersetzung mit dem Sichtbaren und Unsichtbaren, welches sich im Erkunden der Stadt Berlin dem Menschen zeigt oder sich vor ihm verbirgt. Im räumlichen Lernen kann man mit Vordergrund und Hintergrund, Verborgenem und Exponiertem sehr spielerisch und auch konkret arbeiten. Deutlich wurde das im Rahmen des besuchten lobbykritischen Stadtrundgangs von LobbyControl: Verschlossene Türen, die spürbar machen, wie machtvoll Räume sind; offene Plätze, die von vielen Augenpaaren erkundet werden und damit am Ende in der Auswertung jeweils ganz Unterschiedliches zum Vorschein bringen; Orte, die einem noch nie aufgefallen sind, obwohl man schon 10 Jahre in der Stadt lebt und den Weg tagein tagaus gegangen ist. Urbanität ist gekennzeichnet von Dichte, und in dieser Dichte verlieren sich Dinge, bleiben im Verborgenen, werden versteckt. Und wiederum andere treten in den Vordergrund, werden repräsentativ arrangiert und aktiv in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.
Als Knotenpunkte im globalen Kapitalismus sind Städte auch Kristallationspunkte, an denen sich ökonomische weltweite Verflechtungen, die Konzentration von Reichtum und die bestehende (globale aber eben auch lokal artikulierte) Ungleichheit besonders gut aufzeigen lassen – durch ein Sichtbarmachen verdeckter Interdependenzen. Mit der Konzentration ökonomischer Macht ist auch politische Gestaltungsmacht nicht weit, und so können Städte als Orte erkundet werden, in denen politische, ökonomische Macht und die Konflikte um Machtkonzentration besonders gut diskutiert werden können. Die vielen Lobbybüros in unmittelbarer Nähe des Reichstagsgebäudes sind ein Beispiel dafür, dass Macht nichts Abstraktes ist, sondern es Menschen sind, die organisiert in Netzwerken Privilegien nutzen und schützen. Und diese Netzwerke brauchen konkrete Räume und (trotz digitaler Möglichkeiten) Gelegenheiten für Austausch in Präsenz. Politische Einflussnahme wird somit auch baulich und räumlich realisiert. Diese Realität als Gruppen live zu besuchen und vor den Klingelschildern zu stehen, die Cafés zu beobachten und die Atmosphäre mit allen Sinnen zu erfahren zeigt: Die konkrete räumliche Erfahrung macht abstrakte Fragen um Macht greifbar und es entsteht viel unmittelbarer ein Bezug zum eigenen (Er-)leben (und wenn es die Erfahrung ist, dass man vor verschlossenen Türen steht).

Methodische Reflexion

Wollen wir die Potentiale von Städtischen Räumen als Lernarrangements der politischen Bildung umfassend beschreiben, kann nicht der (Lern-)Ort allein betrachtet werden, sondern sollte das Zusammenwirken mit anderen Gestaltungsmerkmalen berücksichtig werden. Ausgehend von der Idee, wie städtische Räume zum Perspektivwechsel provozieren und gesellschaftliche Verhältnisse enthüllen können, möchten wir abschließend insbesondere auf die Frage eingehen, wie städtische Orte methodisch als physischer und sozialer Raum thematisiert und Teil von Lernarrangements werden können. Im Seminar erlebten wir u.a. politische Stadtrundgänge, lernten die Methode des Kollektiven Kritischen Kartierens und der ethnographischen Beobachtung kennen. Gemeinsam mit den Teilnehmenden entwickelten wir Beobachtungsfragen für eine systematische Analyse von didaktisch vorbereiteten Lernarrangements im Stadtraum. Im Fokus standen Fragen nach der Zugänglichkeit und nach Ausschlüssen von Orten, zu arrangierten Situationen und wie diese den Ort selbst performativ verändern. Auch erkundeten wir, inwiefern die Methoden vielseitige Lesarten von Räumen ermöglichen und diskutierten die Effekte davon. Im Sinne einer machtkritischen politischen Bildung (semi-)öffentlicher Räume scheint ein Blick auf räumlich vermittelte Grenzen vs. Möglichkeitshorizonte sehr relevant – genauso wie die Ermöglichung der Aneignung und Resonanzerfahrung mit dem Raum durch die Teilnehmenden selbst, möglichst über mehrere Sinne, vielversprechend. Räume aus ihrer Funktion als Kulisse und Hintergrund für Wissensvermittlung herauszuholen und stattdessen ihre Gestaltbarkeit, Vieldeutigkeit und Vermachtung zu vermitteln, ist demnach zentral für ein politisches Lernen in und mit der Stadt.

Kontakt: Dr. Hannah Schilling & Dr. Oliver Emde