22. September 2025 | Muslimische Akademie Heidelberg e.V. - teilseiend e.V.
Politische Jugendbildungsreise nach Bosnien-Herzegowina
Organisation und Vorbereitungen
Eine zentrale Frage in der politischen Jugendbildung lautet: Inwiefern gelingt es Trägern politischer Bildung, die Pluralität der Zivilgesellschaft in Deutschland auch in konkreten Angeboten der Jugendbildung abzubilden? Wie können neue und diverse Zielgruppen erreicht und nachhaltig eingebunden werden?
Gerade für muslimische Bildungsträger stellt sich diese Frage immer wieder – insbesondere bei Formaten, die in postmigrantischen und muslimischen Communities eher untypisch sind. Vor diesem Hintergrund war es uns ein wichtiges Anliegen, als Muslimische Akademie Heidelberg erstmalig eine internationale politische Jugendbildungsreise anzubieten, die nun nach Bosnien-Herzegowina führen soll. Dabei soll das etablierte Format einer internationalen Bildungsreise für neue Zielgruppen erfahrbar gemacht, in einer heterogenen Teilnehmendenschaft unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführt werden und muslimische sowie postmigrantische Perspektiven aktiv in die Programmplanung einfließen.
Lernort Bosnien-Herzegowina
Die siebentägige Reise nach Bosnien-Herzegowina richtet sich an junge Erwachsene (unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Migrationserfahrungen) aus Deutschland. Ziel ist es, sie in ihrer Identitätsfindung, politischen Urteilsbildung und historischen Reflexion zu stärken. Bosnien soll dabei nicht nur als geographischer Ort, sondern als „postkonfliktives Klassenzimmer“ verstanden werden: ein Raum, um unterschiedliche religiöse und nationale Identitäten im Spannungsfeld einer Nachkriegsgesellschaft zu reflektieren, Erinnerungskulturen rund um „Islam in Europa“ kennenzulernen und die Auswirkungen geopolitischer Konflikte auf Versöhnungsprozesse – auch mit Blick auf Deutschland – zu diskutieren.

Erfahrungen in der Organisation
Bereits vor Umsetzung der Bildungsreise zeigen sich wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse, wenn es um die Frage geht, wie es gelingt, eine heterogene Zielgruppe unterschiedlichen Glaubens und eigener Migrationserfahrungen für das (neue) Format Jugendbildungsreise abzuholen. Für viele Teilnehmende ist es die erste politische Bildungsreise, wodurch auch Unsicherheiten sichtbar wurden: Wie läuft die Anreise ab? Welche Themen werden behandelt? Gibt es Möglichkeiten, das Gebet zu verrichten? Kann die Reiseleitung mit den Eltern sprechen? Manche wollten Freund*innen mitbringen, um „nicht alleine“ zu sein. Auch die Fragen, welche Perspektiven die Reiseleitungen mitbringen oder welche Zugänge es bei Srebrenica geben wird, spielten eine Rolle.
Diese Unsicherheiten erforderten ein erhöhtes Maß an Kommunikation in Richtung der Teilnehmenden sowie einer persönlichen Ansprache. Dennoch entschieden sich einige Interessierte letztlich gegen eine Teilnahme – teils aufgrund organisatorischer Fragen, teils aufgrund eines ausgeprägten Sicherheitsdenkens, das eng mit eigenen Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen zusammenhängt. Besonders junge, muslimische Frauen wurden hier als vulnerable Gruppe sichtbar.
Politische und religiöse Dimensionen
Ein weiterer spannender Aspekt, der insbesondere auch auf der Bildungsreise ein Schwerpunkt sein wird, betraf Fragen zur muslimischen Identität in Bosnien – im Spannungsfeld zwischen katholischen Kroaten und orthodoxen Serben. Der Blick darauf, wie religiöse Identitäten in Bosnien gesellschaftlich verhandelt werden, lässt sich gut verknüpfen auch mit aktuellen Debatten in Deutschland: Muslimische Identitäten wird bis heute kontrovers verhandelt – sei es in gesellschaftspolitischen Diskussionen über die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland, im Erstarken islamfeindlicher Narrative sowie islamistischer Akteure oder in der Reduktion muslimischer Zivilgesellschaft auf Debatten über Islamismus. Junge Muslim*innen in Deutschland bewegen sich dadurch in einem Spannungsfeld zwischen selbstverständlicher Verortung muslimisch-deutscher bzw. europäischer Identitäten und der Erfahrung von Fremdzuschreibungen und Ausgrenzung.
Dabei fehlen häufig historische Erzählungen über muslimisches Leben in Europa, obwohl gerade diese Perspektiven eine wichtige Ressource für Identitätsfindung in einer superdiversen Gesellschaft darstellen. Hier setzt die Reise an: Sie bietet einen Raum, diese Geschichten sichtbar zu machen und in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Lebensrealitäten in Bosnien neue Impulse für die eigene Identitätsbildung in Deutschland zu gewinnen.
Und es zeichnet sich bereits in den Planungsprozessen ab, dass sich durch die heterogene Gruppenzusammensetzung eine bereichernde Kontroversität für Reflektionen ergibt.
Kontakt: Michèl Ali Schnabel
