17. Juni 2026 | Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
Politische Bildung in konfessioneller Trägerschaft
Austausch mit Politik-Lehramtsstudierenden der FU Berlin
„Ah! Das sind auch christliche Werte!“ Dieser Satz einer Politik-Lehramtsstudentin blieb nach einem Austausch mit Studierenden der Freien Universität Berlin besonders hängen. Er markierte einen Moment der Irritation und zugleich eine Erkenntnis: Vieles von dem, was heute als selbstverständlicher Bestandteil guter politischer Bildung gilt, hat Berührungspunkte mit christlichen Wertvorstellungen.
Zu Beginn eines gemeinsamen Nachmittags standen jedoch andere Stimmen im Raum. Die Studierenden äußerten offen ihre Skepsis gegenüber Kirche und kirchlichen Trägern. Dahinter standen Fragen, Vorbehalte und auch manche Vorstellung davon, was kirchliche Bildungsarbeit ausmacht. Wie passt konfessionelle Trägerschaft zu politischer Bildung? Warum braucht man politische Bildung in konfessioneller Trägerschaft? Kann politische Bildung im kirchlichen Kontext tatsächlich offen, plural und kontrovers sein?
Im Rahmen des Masterseminars „Zunehmender Antisemitismus und Rassismus: Potentiale von Religion für Demokratie und politische Bildung?“ von Prof. Dr. Sabine Achour und Greta Lüking gingen wir diesen Fragen gemeinsam nach. Dabei stand neben der Vorstellung der Arbeit der Evangelischen Trägergruppe auch die Auseinandersetzung mit ihren Grundlagen im Mittelpunkt: Warum engagiert sich Kirche überhaupt in der politischen Bildung?
Die Antworten darauf sind vielschichtig. Gegenüber Fördermittelgebern lässt sich politische Bildung mit ihrem Beitrag zur Demokratie, zur gesellschaftlichen Teilhabe und zum Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen begründen. Gegenüber der Gesellschaft verweist sie auf die Bedeutung von Bildung für eine demokratische Kultur. Aus theologischer Perspektive gründet sie im christlichen Menschenbild, das die Würde jedes Menschen betont und dazu aufruft, Verantwortung für das Zusammenleben zu übernehmen. Hinzu kommt das Prinzip Hoffnung: die Überzeugung, dass Veränderung möglich ist und Menschen die Welt mitgestalten können. Politische Bildung schafft dafür wichtige Voraussetzungen. Sie stärkt Urteilsfähigkeit, eröffnet Handlungsmöglichkeiten und fördert Mündigkeit.
Was politische Bildung mit christlichen Werten verbindet
Im Verlauf des Austauschs veränderte sich die Perspektive vieler Teilnehmenden spürbar. Die anfängliche Skepsis verschwand nicht einfach, wurde aber zunehmend differenziert betrachtet. Überraschend war für einige Studierende, wie selbstverständlich Themen wie Menschenwürde, Solidarität, Teilhabe, Gender oder auch politische Medienbildung zum Selbstverständnis kirchlicher Bildungsarbeit gehören. Andere stellten fest, dass viele ihrer eigenen Vorstellungen von guter politischer Bildung auf Werten beruhen, die sie bislang nicht mit christlichen Traditionen in Verbindung gebracht hatten.
Vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis des Nachmittags: Politische Bildung braucht eine Auseinandersetzung mit ihren normativen Grundlagen. Die Frage ist dabei nicht, ob Werte eine Rolle spielen, sondern welche Werte unser Handeln leiten und wie wir darüber ins Gespräch kommen. Dass aus anfänglichen Vorbehalten ein gemeinsamer Reflexionsprozess wurde, zeigt, wie fruchtbar die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven sein kann.
Kontakt: Dr. Anne Jordan
