Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
29. Januar 2026 | Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung

Orientierung in unsicheren Zeiten

Friedensethik, Dienstpflicht und politische Jugendbildung


Selten war das aktuelle weltpolitische Geschehen so präsent wie bei dieser Jahreskonferenz der Evangelischen Trägergruppe (et) in der Akademie Franz Hitze Haus in Münster. Die internationale Ordnung der Nachkriegszeit gerät spürbar ins Wanken, sicher geglaubte Koordinaten deutscher und europäischer Politik verschieben sich. Die daraus entstehenden Unsicherheiten bildeten den Diskursrahmen für unsere diesjährige Jahreskonferenz der politischen Jugendbildner*innen: Krieg in Europa und die Dienstpflicht für junge Menschen.

Ausgangspunkt der Diskussionen waren nicht allein die aktuellen Debatten rund um den neuen Wehrdienst, sondern auch die Wahrnehmungen der politischen Jugendbildner*innen: Welche Anliegen junger Menschen begegnen uns aktuell? Welche Fragen stellen sich an die politische Bildung? Im Netzwerk ging es darum, eigene inhaltliche Schwerpunkte, Zugänge und Methoden kritisch zu überprüfen.

Friedensethik als Spannungsfeld – Impulse aus der EKD-Denkschrift

Einen zentralen Impuls setzte Dr. Friederike Krippner, Direktorin der Evangelischen Akademie zu Berlin und Mitautorin der aktuellen EKD-Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“. Ihr Einblick in Entstehung, Aushandlungsprozesse und Kontroversen der Denkschrift machte deutlich, dass Friedensethik kein abgeschlossener Denkraum, sondern ein Feld permanenter Spannung und Aushandlung ist. Kontrovers diskutiert ist dabei der Begriff des „gerechten Friedens“, der bewusst die Logik vom „gerechten Krieg“ verschiebt: Frieden meint mehr als die Abwesenheit von Gewalt und ist vielmehr politische, soziale und ethische Gestaltungsaufgabe.

Eng damit verbunden rückte die Frage nach Gewissensbildung ins Zentrum der Diskussionen. Was unterscheidet sie von Urteilsbildung? Welche Dimensionen gehören dazu und welche Rolle spielt sie in politischer Jugendbildung? Die Diskussionen zeigten, dass Gewissensbildung besonders dort relevant wird, wo junge Menschen mit widersprüchlichen Anforderungen konfrontiert sind: persönliche Haltung, gesellschaftliche Erwartungen und politische Entscheidungen stehen oft in Spannung zueinander. Politische Jugendbildung kann hier keine fertigen Antworten liefern, wohl aber Räume eröffnen, in denen Reflexion, Selbstverortung und verantwortliches Entscheiden möglich werden.

Militär, Frieden und politische Bildung

Ergänzend stellte Dr. Benedikt Bussmann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg, die Konzeption und Umsetzung politischer Bildung innerhalb der Bundeswehr vor. Die Einblicke in rechtliche Grundlagen, formale Strukturen sowie thematische Schwerpunkte machten deutlich, wie unterschiedlich Krieg, Militär und Frieden sicherheitspolitisch und friedensethisch gedeutet werden kann: Dient das Militär dem Krieg oder dem Frieden? Lässt sich das Militär konsequent vom Frieden her denken? Es zeigte sich, dass das Ringen um Sprache, Begriffe und Deutungen nicht nebensächlich ist, sondern die gesellschaftlichen und politischen Diskurse intensiv prägen. Politische Jugendbildung braucht daher Räume, in denen diese Spannungen ausgehalten und reflektiert werden können. Für die politischen Jugendbildner*innen boten die Impulse und Diskussionen die Möglichkeit die eigene Position zu überprüfen, mögliche blinde Flecken zu erkennen, sich gemeinsam Orientierung zu erarbeiten und neue Fragen mitzunehmen.

Ein wichtiger Schwerpunkt lag auf dem Transfer in die Bildungsarbeit. Der Austausch über erprobte Materialien und Methoden (z.B. Civil World) aus der Praxis machte deutlich, wie die komplexen Themen Krieg, Frieden und Dienstpflicht in Bildungssettings aufgegriffen werden können. Viele der Impulse werden die weitere Arbeit im Netzwerk weiter begleiten.

KI, politische Bildung und neue Innovationsräume

In den vergangenen Jahren hat sich das bundesweite et-Netzwerk intensiv mit politischer Medienbildung und KI auseinandergesetzt. Im Jahr 2026 wird der Fokus darauf liegen die Erfahrungen und Methoden im neuen Format „Ready2Share“ zu bündeln und mit anderen Akteuren im Feld zu vernetzen. Zusätzlich wird sich das Netzwerk im Rahmen einer neuen Innovationsgruppe mit zentralen Fragen im Kontext KI und politische Bildung beschäftigen, unter anderem mit der Frage, wie Künstliche Intelligenz transparent und verantwortungsvoll in Bildungsprozessen genutzt werden kann. Dabei geht es nicht nur um technische Anwendung, sondern auch um grundlegende ethische, politische und gesellschaftliche Fragen: Wie verändert KI Lernen? Welche Machtstrukturen sind eingeschrieben? Und welche Kompetenzen brauchen junge Menschen, um sich in einer zunehmend KI-geprägten Welt zu orientieren?

Neben den inhaltlichen Impulsen prägten Gespräche, Diskussionen und Exkursionen – unter anderem ins Stadtmuseum Münster und zur Villa ten Hompel – die Konferenz. Sie machten erneut sichtbar, welches Wissen, welche Erfahrungen und welches Potenzial im Netzwerk der et zusammenkommen. Mit diesen Eindrücken startet die Evangelische Trägergruppe in ein neues Jahr politischer Jugendbildung mit dem Anspruch, junge Menschen in unsicheren Zeiten zu stärken.

Kontakt: Anne Jordan