Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
17. Juni 2024 | Evangelische Akademie zu Berlin

Mut zu Hoffnung

Anregungen für produktive Kontroversen im Wahljahr


Extremwetterereignisse und Hitzerekorde in Deutschland und anderswo lassen immer weniger Zweifel an den großen Klimaveränderungen, die mit der globalen Erderwärmung einhergehen und in Zukunft auch weiter verstärkt werden. Politik und Gesellschaft muss damit umgehen und Wege finden, der Klimakrise zu begegnen. Wie genau, ist eine Frage, die aktuell emotional aufgeladene Debatten mit sich zieht. Wie können wir sprach- und handlungsfähig bleiben angesichts zunehmenden Polarisierungen und populistischer Rhetorik rund um Streitthemen wie den Klimawandel, oder Gender, Migration und Krieg? Die Evangelische Akademie zu Berlin hat sich zu dieser Frage Gedanken gemacht: angesichts zunehmender Verengung in der Debattenkultur wurden unter dem Titel „Hoffnung in bedrohten Zeiten“ sieben Texte verfasst, in denen Streitthemen konstruktiv aus einer protestantischen Perspektive beleuchtet werden und Fragen statt Antworten im Vordergrund stehen.

In Bezug auf den Klimawandel stellt sich hier die Herausforderung, aus moralisierenden Dynamiken herauszutreten. Um Ohnmachtsgefühlen zu entkommen, sind Lösungsansätze oft individueller Natur: Wo kann ich Emissionen einsparen, wie sieht mein Fußabdruck aus? Das ist richtig, greift aber zu kurz, wenn wir in Diskussionsrunden kommen, in denen heterogene Lebensrealitäten aufeinandertreffen und der Frust über vermeintlich bevormundende Regulierungsversuche schon hochgekocht wurde. Ein Vorschlag, im Gespräch zu bleiben, ist ein Fokus auf Gerechtigkeit und auf politische Praxis.

Klimaschutz ist ein Menschenrecht – für alle und gemeinsam erkämpft

Wie kann die sozial-ökologische Transformation gerecht gestaltet werden? Das ist die Kernfrage, die es zu diskutieren gilt. Das bedeutet im Kern, verschiedene Ausgangslagen anzuerkennen und denjenigen zuzuhören, die weniger privilegiert sind und denen Veränderungen schwer fallen. Der Blick sollte auch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, unsere Form des Wirtschaftens und des Verteilens von Ressourcen gelenkt werden. Der Klimawandel wird dann zu einem gesellschaftlichen Projekt, das im Kern von der Frage bestimmt wird, wie wollen wir leben und wie können wir so leben, dass wir niemanden zurücklassen? Klimatische Veränderungen können Entfaltungsmöglichkeiten, Mobilität, Gesundheit und Zukunftsperspektiven von Menschen einschränken. Damit ist eine Triebfeder für die Forderung nach Klimaschutz auch die Realisierung von Menschenrechten, der unantastbaren Würde jedes Einzelnen und auch der Verantwortung aller, sich für die Rechte von Minderheiten einer Gesellschaft einzusetzen. Gesellschaft wird von Vielen gestaltet, und auch eine nachhaltige Gesellschaft kann nicht alleine über individuelle Konsumentscheidungen und Verhaltensänderungen realisiert werden. Über den Klimawandel ins Gespräch zu kommen lädt ein, über politisches Tun zu sprechen, über das gemeinsame Handeln für eine neue Welt: Wer kann über was entscheiden, wo kann ich mich beteiligen und für welche politischen Lösungen möchte ich mich einsetzen?

Unsere Demokratie ist im Werden – stets aufs Neue

Mit dem Fokus auf Gerechtigkeit und politische Praxis fordert die sozial-ökologische Transformation auch unsere Demokratie stets neu heraus. Die damit verbundenen Fragen aktiv zu gestalten, dazu lädt der Beitrag zum Klimawandel ein. Was haben wir, als Kirche, zu Themen wie dem Klimawandel, Gender, Antisemitismus, Rassismus, Migration, Nationalismus und Friedensperspektiven zu sagen? Die Sammlung stellt die konstruktive Auseinandersetzung und die Vergewisserung der eigenen Haltung in den Vordergrund, statt sich an populistischen Narrativen abzuarbeiten.

„Wir haben uns bemüht, auch Fragen zu stellen, auf die wir noch keine Antwort haben, Diskursäume zu öffnen und gleichzeitig zu markieren, wo aus einer theologischen Perspektive Grenzen des Sagbaren liegen.“, so die Einleitung zu den Texten von Dr. Friederike Krippner und Dr. Christian Staffa. Im Gegensatz zu vereinfachten und binären Weltsichten, die von Trennungen und Abgrenzungen und Essentialismen geprägt sind, geben die Beiträge Fragen an die Hand, mit der wir im Alltag und im Beruf auch zu Streitthemen sprachfähig bleiben können. Wir möchten eine Haltung stark machen, in der gegenseitige Abhängigkeiten zwischen Menschen und Natur, in der Grautöne und Zwischenräume sichtbar bleiben dürfen, und in der unser tägliches Handeln von Hoffnung geprägt ist, und weniger von der Sicherheit fixer Zukunftsszenarien und letzter Wahrheiten.

Ansprechperson: Dr. Hannah Schilling