Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
2. Juli 2024 | Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung

Miteinander im Gespräch

Zum Verhältnis von Religion und Politik


Welche Rolle spielt Religion in der politischen Bildung und wie gestaltet sich politische Bildung in religiöser Trägerschaft? Wie lässt sich das Verhältnis von Religion und unserer Demokratie beschreiben?

Diesen Fragen widmeten sich Anfang Juni die Teilnehmenden beim von der Bundeszentrale für politische Bildung initiierten Fachtag „Religion und politische Bildung: Potenziale und Herausforderungen“. Der Fachtag bot zum einen die Möglichkeit das (Spannungs-)Verhältnis in verschiedenen praxisnahen Workshops zu diskutieren. Zum anderen ließ er diverse Perspektiven, Debatten und Fragestellungen aus der Wissenschaft sowie religiöser Träger der politischen Bildung in Podiumsdiskussionen einfließen. Die multiperspektivische Auseinandersetzung gewann durch die diversen religiösen Hintergründe und Arbeitskontexte der anwesenden Teilnehmenden an Tiefe. So konnten auf struktureller sowie religiöser Ebene die Potenziale und Herausforderungen von Religion und politischer Bildung in Schule, in Verwaltungen und Behörden, in der außerschulischen politischen Erwachsenenbildung und in der politischen Jugendbildung in den Blick genommen werden.

Es ist kompliziert, oder?

Ein möglicher Zugang, um politische Bildung und Religion zusammenzudenken, ist die Betrachtung des Verhältnisses von Religionen in einer Demokratie. Ein hilfreiches Werkzeug stellen hierbei Demokratietheorien dar, da sie eine Reflexion immer vor dem Hintergrund des jeweiligen Demokratieverständnisses ermöglichen. Eine differenzierte Reflexion erfolgt mit Blick auf die Ambivalenz verschiedener Religionen beziehungsweise Religionsrichtungen, denn die religiöse Vielfalt verfällt leicht einer Logik der wechselseitigen Abgrenzung. Hinzu kommt, dass auch innerhalb der Religionen unterschiedliche Sichtweisen auf Politik vertreten sind. Eine Gefahr besteht zumeist dann, wenn Religion und religiöse Vielfalt politisch instrumentalisiert und als Hindernis im gesellschaftlichen Zusammenleben beschrieben werden (beispielsweise im Rahmen von Integrationsdebatten). Demgegenüber steht das Potenzial, sie in eine positive Rolle im demokratischen Staat zu bringen und sie als Ressource zu nutzen. Dabei ist die Zielperspektive, nach gegenseitiger Akzeptanz und Toleranz von demokratischem Zusammenleben in religiöser Vielfalt zu streben.

Im praktischen Austausch und in den fachlichen Diskussionen zeigte sich immer wieder, dass es unterschiedliche Begriffsverständnisse von „Religion“ gibt, die es zu besprechen und zu klären gilt. Einigkeit konnte darin erzielt werden, dass das Verständnis über eine Gleichsetzung von Religion und Konfession hinausgeht. Religion ist weitaus mehr als nur gelebte Glaubenspraxis und ist in der politischen Bildung beispielsweise nicht nur als Thema der Extremismusprävention zu betrachten. Aus ihrem religiösen Selbstverständnis heraus hat sie den Anspruch, eine demokratische Gesellschaft zu gestalten und bietet hierfür unterschiedliche Zugänge mit einem pluralen Verständnis als Ausgangsposition. Die Forderung an politische Bildung wiederum darf nicht sein, dass sie religiöse Konflikte löst. Vielmehr bietet sie den Raum, um mehr über Religion(en) zu sprechen und auch den interreligiösen Dialog zu fördern.

Religiöses Wissen als Türöffner

© bpb

Im Laufe der Diskussionen wurde die Bedeutung von religiösem Wissen für die Aushandlung der Rolle von Religion für politische (Bildungs-)Prozesse immer wieder hervorgehoben. Deutlich zeigt sich an dieser Stelle, dass es einer Verständigung darüber bedarf, worum es sich bei religiösem Wissen handelt. Lässt sich dieses durch religiöses Fakten- und Sachwissen beschreiben? Handelt es sich vielmehr um religiöses Praxiswissen und die Frage, wie Religion gelebt wird? Eine Beschäftigung mit diesen Fragen ist auch vor dem Hintergrund notwendig, da religiöse Kenntnisse unabdingbar sind, um Religion an sich sowie Zusammenhänge in Religionen zu verstehen, um gegenseitiges Verständnis zu entwickeln und auch um Gespräche über Religion in Verbindung mit politischer Komplexität zu führen.

Der Fachtag hat dazu angeregt, politische Bildung und Religion zusammen sowie reflexiv zu denken, um sowohl gesellschaftliche Herausforderungen zu bearbeiten als auch eine demokratische Gesellschaft mit zivilgesellschaftlicher Verantwortung zu gestalten. Obwohl dieses Themenfeld ebenso ein hohes Konfliktpotenzial mit sich bringt, ist es dem Fachtag gelungen für die diverse Teilnehmendenschaft einen Raum für wertschätzenden Austausch zu gestalten. Das wird von den Teilnehmenden dankbar angenommen, da sie dies in ihrer Lebens- und Arbeitspraxis nicht immer in diesem Maße erfahren. Zugleich bedarf es eines weiteren, tiefergehenden Blicks in die Wertediskussionen und Konfliktlinien, wie Religionen und Politik zusammenspielen, da sich dort die Differenzen zeigen. Aus der Tagung lässt sich der Impuls mitnehmen, weitere Austauschräume für ebendieses Thema zu öffnen und Gespräche darüber zu führen.

Ansprechperson: Dr. Anne Jordan