Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
5. Juni 2025 | Deutsche Islam Akademie e.V.

Miniaturmalerei – Kunst, Natur und Umweltschutz

aus der Workshopreihe reKUNSTruktion


Die Veranstaltungsreihe reKUNSTruktion verbindet künstlerische Ausdrucksformen mit politischer Bildung und schafft so Räume, in denen kulturelle Identität, historische Kontinuitäten und aktuelle gesellschaftliche Themen miteinander in Dialog treten. Sie lädt die Teilnehmenden dazu ein, sich kreativ mit politischen und kulturellen Narrativen auseinanderzusetzen, eigene Perspektiven einzubringen und diese im Austausch mit anderen zu reflektieren. Ziel der Reihe ist es, Menschen in ihrer Identitätsbildung zu stärken, ein vertieftes Verständnis gesellschaftspolitischer Zusammenhänge zu fördern und erfahrbar zu machen, wie Kunst als Werkzeug für Dialog, Empowerment und gesellschaftliches Engagement wirken kann.

Neben dem Workshop zur Miniaturmalerei fanden im Rahmen von reKUNSTruktion weitere Workshops statt, in denen unterschiedliche künstlerische Ansätze genutzt wurden, um gesellschaftliche Fragen sichtbar zu machen und mit den Teilnehmenden zu diskutieren. Unter anderem:

  • Palästinensischen Tatreez-Stickerei unter der Fragestellung, wie Kunst Ausdruck politischer Teilhabe sein kann.
  • Islamische Geometrie in Verbindung mit dem Thema des Einflusses islamischer Wissenschaften in Europa.
  • Islamische Kalligraphie in Verbindung mit der Frage, wer durch Kunst angesprochen wird und wie Gefühle der Zugehörigkeit transportiert werden.

Miniaturmalerei als Spiegel ökologischer Verantwortung

Am 10.05.2025 fand in den Räumen der Deutschen Islam Akademie e.V. ein Workshop statt, der die Kunst der türkisch/ persischen Miniaturmalerei mit aktuellen ökologischen Fragestellungen verband. Ziel der Veranstaltung war es, die Teilnehmenden für die kulturell und religiös geprägten Naturvorstellungen des islamischen Kulturraums zu sensibilisieren und sie zugleich für die politischen und gesellschaftlichen Dimensionen heutiger Umwelt- und Klimafragen zu öffnen. Dabei stand im Zentrum die Idee, dass Miniaturen weit mehr sind als kunstvolle Illustrationen: Sie sind Ausdruck einer Weltanschauung, die Natur nicht als bloße Kulisse begreift, sondern als zentralen Akteur in einem Gleichgewicht von Mensch, Tier und Pflanze.
Nach einer kurzen Begrüßung begann der Workshop mit einem Impuls, der die Natur als Spiegel göttlicher Ordnung thematisierte. Bereits hier wurde die zentrale Frage formuliert „Wie gehen wir heute mit dieser Natur um?“. Dieser Gedanke leitete in die erste Arbeitsphase über, die sich mit der gegenwärtigen ökologischen Lage auseinandersetzte. In einem Lernzirkel erhielten die Teilnehmenden Zugang zu zehn Infoboxen, die Daten und Fakten zu Klimaerwärmung, Artensterben, Ressourcenknappheit und Umweltbelastungen präsentierten. Durch diese selbstgesteuerte Auseinandersetzung entwickelten sie nicht nur ein fundiertes Wissen, sondern auch ein individuelles Bewusstsein für die komplexen Zusammenhänge der ökologischen Krise.

In der anschließenden Plenumsdiskussion wurden die gewonnenen Erkenntnisse vertieft. Teilnehmende äußerten Erstaunen über die Geschwindigkeit, mit der ökologische Kipppunkte näher rücken, und über die politischen und wirtschaftlichen Interessen, die notwendige Veränderungen behindern. Deutlich wurde, dass Umweltschutz nicht auf individuelles Verhalten reduziert werden darf, sondern immer auch Fragen von Macht, Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung berührt. Die Teilnehmenden reflektierten über den Einfluss von Konzernen und globalen Wirtschaftsstrukturen und erkannten, dass ökologisches Handeln nicht nur eine individuelle, sondern vor allem eine politische Aufgabe ist.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf religiös-ethischen Perspektiven. Anhand des folgenden Koranverses wurde darüber diskutiert, welche Verantwortung Menschen als Teil der Schöpfung tragen.

„Und als dein Herr zu den Engeln sprach: ‚Siehe, ich will auf der Erde für mich
einen Statthalter einsetzen‘, da sagten sie: ‚Willst du auf ihr einen einsetzen, der
auf ihr Verderben anrichtet und Blut vergießt? Wir verkünden doch deinen Lob und
rühmen dich.‘ Er sprach: ‚Siehe, ich weiß, was ihr nicht wisst.‘“ (2:30)

Diese Reflexion ermöglichte es, Spiritualität und Umweltethik miteinander zu verbinden und die Teilnehmenden dafür zu sensibilisieren, dass kulturell-religiöse Deutungsmuster maßgeblich beeinflussen, wie Natur wahrgenommen und behandelt wird. In einer anschließenden Einzelarbeit hielten die Teilnehmenden persönliche Vorsätze und Handlungsabsichten fest. Diese wurden anschließend in einer Gruppendiskussion erläutert. Andere Teilnehmenden teilten ihre best practices zur Erreichung der Vorsätze, sodass inspirierende Synergien entstanden. Viele Teilnehmenden betonten den Wunsch, ihren Alltag klimabewusster zu gestalten, aber auch, sich stärker in gesellschaftlichen Debatten und politischen Prozessen einzubringen.

Nach einer Pause folgte der kunsthistorische Teil, der von der Miniaturmalerin gestaltet wurde. Sie führte die Teilnehmenden in die Tradition der orientalischen Miniaturmalerei ein, stellte eigene Werke vor und erklärte die Bedeutung verschiedener Pflanzen- und Naturmotive. Besonders eindrücklich war dabei, wie in den Miniaturen Gärten als Mikrokosmen dargestellt werden, die Orte der Harmonie sind, in denen Mensch, Tier und Pflanze in ausgewogenem Verhältnis miteinander leben. Diese Darstellungen wurden als Sinnbilder eines ökologischen Gleichgewichts gedeutet, das bis heute eine Botschaft für die Gegenwart enthält: Das Gleichgewicht der Natur ist ein Spiegel der göttlichen Ordnung und der Mensch trägt die Verantwortung, es zu bewahren.

Abbildung 2: Der kreative Teil

Im anschließenden Kreativteil hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, eigene Bilder zu gestalten. Unter Anleitung der Miniaturmalerin zeichneten sie Miniaturen und ergänzten sie durch persönliche Motive, die ihre eigenen Anliegen, Hoffnungen und Sorgen zum Ausdruck brachten. Dabei bedienten sie sich der Motive, die vorher im kunsthistorischen Teil besprochen worden waren, um ihren Werken eine Aussage zu geben, die eigene Sorgen und Wünsche thematisieren. Diese künstlerische Praxis eröffnete einen Raum für Selbstreflexion und ästhetische Erfahrung. Die Teilnehmenden erlebten, dass Kunst nicht nur ein Medium des Staunens, sondern auch ein Instrument der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung sein kann.

In der abschließenden Feedback-Runde äußerten die Teilnehmenden, dass sie durch den Workshop nicht nur neues Wissen über Miniaturmalerei und Umweltfragen gewonnen haben, sondern auch inspiriert seien, ihr eigenes Verhältnis zur Natur neu zu überdenken. Die Verbindung von kultureller Ästhetik, politischer Analyse und praktischer Kreativität wurde als besonders bereichernd empfunden. Einige betonten, dass die Beschäftigung mit einer ihnen zunächst fremden Kunstform Offenheit und Kreativität gefördert habe, andere hoben hervor, dass die Einbettung in religiös-kulturelle Narrative ihre Sicht auf Nachhaltigkeit erweitert habe.

Insgesamt zeigte der Workshop, dass ökologische Fragen nicht nur technisch oder wissenschaftlich, sondern immer auch kulturell und ästhetisch verstanden werden müssen. Die Teilnehmenden nahmen die Erfahrung mit, dass der Schutz der Natur eine gemeinsame Verantwortung darstellt, auf individueller, gesellschaftlicher und politischer Ebene. Damit leistete die Veranstaltung einen wertvollen Beitrag zur Förderung von kritischem Umweltbewusstsein, kreativem Dialog und der Motivation zu nachhaltigem Handeln.

Kontakt: Deutsche Islam Akademie