Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
9. Juni 2026 | Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt

Immer das Theater mit den Jungs*

Ein theaterpädagogischer Workshop für die Jungenarbeit


„Jung, männlich, abgehängt“ überschrieb Martin Spiewak seinen ZEIT-Artikel im September 2024. Jungen schafften demnach Schulabschlüsse seltener, hätten schlechtere Noten, litten häufiger unter ADHS, Autismus und Lese-Rechtschreib-Schwäche. Und diese Liste ließe sich fortsetzen. Auch der Chancenmonitor 2026 des Ifo-Instituts zeigt wachsende Nachteile für Jungen im Bildungssystem auf. Für seinen Artikel erhielt Spiewak den deutschen Journalistenpreis und in der Laudatio thematisiert Ulric Papendick das gesamtgesellschaftliche Problem dahinter: „Eine Spaltung in besser gebildete, tendenziell eher liberale Frauen und vielleicht etwas schlechter gebildete, in Teilen rechtsautoritäre Männer.“ Analysen der letzten Wahlen scheinen diese Spaltung zumindest statistisch zu bestätigen.

Ein theaterpädagogischer Workshop für die Jungenarbeit 

Sebastian Scholz, verantwortlich für Jungenarbeit am Kompetenzzentrum für geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt (KgKJH), beschreibt die praktische Arbeit vor Ort wie folgt: Jungen würden oft Rollen erproben, indem sie Bilder von Stärke, Risiko und Macht reproduzieren und damit bewusst oder unbewusst traditionellen Männlichkeitsidealen folgen. Die ganz überwiegend weiblichen pädagogischen Mitarbeiter*innen irritierten sie damit oft in ihren Routinen.

Rollen gibt es auch im Theater. Warum also nicht die Annahme von Rollen durch Jungen, aber auch die Zuschreibung von Verhaltensweisen durch Fachkräfte theaterpädagogisch reflektieren? Kann Theater in der Arbeit mit Jungen eine wichtige Rolle spielen? Um das auszuprobieren und zu diskutieren, luden die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und das KgKJH Fachkräfte, die mit Jungen arbeiten, zum Workshop ‚Immer das Theater mit den Jungs*‘ nach Lutherstadt Wittenberg ein.

Nach einer kurzen Einführung regte Theaterpädagoge Maik Pevestorff aus Jena dazu an, sich mit einer kleinen Rollenübung vorzustellen. Im Kreis stehend ging jede*r Teilnehmende einen Schritt vor und stellte sich laut oder leise, sehr präsent oder zurückhaltend mit seinem Namen und einer Geste vor. Alle anderen sollten dann auch einen Schritt in die Mitte gehen und die Person mit Namen begrüßen und anschließend die Geste sehr theatralisch und betont wiederholen. Als zweite Runde wurden die Teilnehmenden eingeladen, sich kurz mit einer Person auszutauschen und sich wechselseitig auf der Bühne vorzustellen.

Schon mit diesen beiden vergleichsweise einfachen Übungen ließ sich viel über Selbst- und Fremddarstellung zeigen. Wie jemand in den Kreis oder auf die Bühne tritt und sich präsentiert, zeige schon viel über die Person oder zumindest darüber, wie sie sich in dieser Runde darstellen wolle, erläuterte Peverstorff. Das sei nicht immer bewusst, manchmal aber auch schon inszeniert. Die anderen Teilnehmenden könnten wiederum eine eigene Darstellung der vorgestellten Person entwickeln. Dabei fließe immer das ein, was sie wahrgenommen hätten und was nicht unbedingt mit den Intentionen der anderen Person übereinstimmen müsse. Das ist ein simpler Einstieg, um über Rollen, Selbst- und Fremdwahrnehmung ins Gespräch zu kommen. Oft werden bereits hier Rollen eingenommen, die angenommene soziale Erwartungen erfüllen sollen.

Regie übernehmen – und abgeben

Im zweiten Schritt führte der Referent in die Methode „Mischpult“ ein. Eine Hälfte der Gruppe übernahm die Rolle von Regisseuren, die anderen spielten nach deren Anweisungen. Im Anschluss wechselten die Gruppen. Die regieführende Gruppe konnte sich dabei Karten bedienen, die auf dem Boden auslagen und Ereignisse, Tätigkeiten, Inszenierungsoptionen und Gefühle – gern auch in ungewöhnlichen Kombinationen – miteinander verbinden. Bei dieser Übung wurde auch die Frage nach guter Führung besprochen. Was braucht es für wen, damit die Anweisungen als angenehm oder zumindest machbar wahrgenommen werden?

Ein wichtiges Thema im Workshop war die Nutzung eines Vetos. Auf was kann ich mich einlassen? Und wann sage ich wie „Stopp“ oder „Veto“? Oder wo gehe ich vielleicht auch über meine Grenzen hinaus? Bei der letzten Übung konnte „Veto“ auch bedeuten, bestimmte Anweisungen einfach auszulassen oder der Gruppe nur beim Ausführen zuzuschauen.

Am Nachmittag wurden in Theaterszenen konkrete individuelle Erfahrungen aus der Jungenarbeit der Teilnehmenden aufgegriffen. Einige nutzten das, um sich als Menschen aus der Jungenarbeit zu reflektieren, andere brachten Szenen „ihrer“ Jungen ein. Zum Abschluss bestand ausführlich Zeit, um gemeinsam zu überlegen, wie die Tools und Erfahrungen dieses Workshops für die eigene Arbeit mit Jungen genutzt werden können. Eine Teilnehmerin fühlte sich auf ihrem Weg bestätigt, theaterpädagogisch zu arbeiten. Eine andere Teilnehmerin bewegte noch sehr, was das Nachspielen einer Erfahrung in ihr ausgelöst hat. Thema war auch, wie man gerade mit Jungen sichere Räume schafft, in denen sie Erfahrungen wie in diesem Workshop zulassen können. Die intensive Auseinandersetzung mit Rollenbildern, Selbstwahrnehmung und Grenzen bot wertvolle Impulse, die über den Workshop hinausweisen und in der weiteren Bildungsarbeit erneut aufgegriffen werden.

Kontakt: Tobias Thiel