Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
19. Januar 2026 | Evangelische Jugendsozialarbeit Bayern

Historisch-politische Spurensuche in Nürnberg

Junge Menschen aus der Jugendsozialarbeit erkunden die Frankenmetropole Nürnberg


Warum war Nürnberg in der Zeit des Nationalsozialismus so prägend? Was verbirgt sich hinter den Nürnberger Rassengesetzen – und was hat ein Lied aus den 1980er-Jahren mit Rechtsterrorismus zu tun? Solche und weitere Fragen rund um die Stadt Nürnberg beschäftigten Ende November junge Menschen zwischen vierzehn und siebzehn Jahren aus der Jugendsozialarbeit während einer zweitägigen Städtefahrt. Der Auftakt der Fahrt war ein Stadtteilspaziergang.

Erinnerungspolitische Herausforderungen im Stadtbild

Gemeinsam erkundeten die Jugendlichen im Rahmen eines Stadtrundgangs die Frankenmetropole. Im Mittelpunkt standen die nationalsozialistische Vergangenheit Nürnbergs, ihre Instrumentalisierung durch das NS-Regime sowie die politische Geschichte der Stadt von 1945 bis in die Gegenwart. Zur besseren Verortung besuchte die Gruppe unter anderem die Burg Nürnberg und thematisierte an verschiedenen innenstadtnahen Orten, wie zum Beispiel am ehemaligen Verlagsgebäude der nationalsozialistischen Propaganda-Zeitung Der Stürmer, die antisemitische Agitation während der Zeit des Nationalsozialismus. Dabei lag der Fokus besonders auf judenfeindlichen Parolen. Schnell knüpften die Teilnehmenden Parallelen zu menschenfeindlichen Memes, die sie aus ihren Social-Media-Kontexten kannten, wie zum Beispiel antisemitische Bildsprache. „Krass – Das ist ja also so vom Inhalt her das Gleiche wie heut auf Tiktok. Schon hart, dass über 80 Jahre später immer noch die gleichen Fake News über Juden verbreitet werden.“ (Schülerin, 15)

Um den Bezug zur aktuellen Geschichte rund um Ausgrenzung und Rechtsterrorismus herzustellen, besuchten wir einen Ort in der Nähe des Bahnhofs. Ein kaum wahrnehmbares Schild am Bahnhofsausgang erinnert an einen rassistischen Anschlag eines Neonazis auf einen Nürnberger Club in den 1980er-Jahren. Aus einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks erfuhren die Jugendlichen, dass eine fränkische Band diesem Anschlag ein Lied widmete und damit eine öffentliche Debatte über das rassistische Motiv auslöste. Nur dadurch kam es zur Errichtung dieser Erinnerungstafel. Auf dem Rückweg zur Jugendherberge diskutierten sie in Kleingruppen über die ihrer Meinung nach kaum sichtbaren Gedenk- und Erinnerungsorte für die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Ebenso vermissten sie zentrale Mahnmale für die rechtsterroristischen Anschläge der sogenannten NSU-Mordserie und anderer neonazistischer Gewalttaten. Um diesen Impuls aufzugreifen, organisierten wir spontan eine kurze Workshop-Einheit im Rahmen eines World-Cafés. Dabei herrschte Einigkeit darüber, dass Erinnerungsorte insbesondere angesichts eines zunehmenden Rechtsrucks regelmäßiger in den öffentlichen Fokus gerückt werden sollten. Die Ideen reichten von interkulturellen Veranstaltungen bis zur regelmäßigen Pflege der Gedenkorte durch junge Menschen aus verschiedenen Schulformen.

Von der NS-Zeit in die Gegenwart – Warum ist Erinnerung wichtig?

Am zweiten Tag setzten sich die Jugendlichen mit Biografien junger Menschen auseinander, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ausgegrenzt wurden. Mithilfe eines Zeitstrahls verbanden sie die Phase der Diktatur mit den zunehmenden Einschränkungen jüdischen Lebens und dem Terror gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland. Besonders eindrücklich war die Überlebensgeschichte von Dr. Leon Weintraub, der mit Witz, Glück und Verstand die Schrecken der NS-Zeit überstand – und inzwischen zu Neujahr seinen hundertsten Geburtstag feierte.

In einem abschließenden Workshop diskutierten die Jugendlichen, wie sie sich in ihrem Umfeld aktiv für demokratische Werte einsetzen können. Dabei überlegten sie, welche Möglichkeiten insbesondere im Umgang mit sozialen Medien bestehen, um rechter Agitation entgegenzuwirken. Anhand konkreter Fallbeispiele sprachen sie darüber, wie Meldefunktionen gegen Hassrede genutzt werden können, wann es sinnvoll ist, Beiträge bei einer Online-Polizeiwache auf strafbare Inhalte prüfen zu lassen und welche Meldestellen oder Opferberatungsstellen bei einem Shitstorm Unterstützung bieten.

Nach zwei intensiven Tagen in Nürnberg zeigten sich viele der Jugendlichen „viel schlauer als vorher“ und nahmen sich vor, ihre Erkenntnisse nicht nur mit Freund*innen, sondern auch mit ihren Familien zu teilen – um so dazu beizutragen, dass Menschen nicht erneut auf die falschen Versprechungen menschenfeindlicher Parteien hereinfallen.

Kontakt: Johannes Scholz-Adam