24. September 2026 | Evangelische Akademie Thüringen
Gelegenheit macht Aktive
Wenn demokratische Gefährdung zum Anlass für Engagement wird
Sachsen-Anhalt hat gewählt. Und mit dem Wahlergebnis stellt sich die Frage, welche Strukturen künftig noch ermöglichen, dass Menschen in ihrer politischen Meinungsbildung und in ihrem Engagement beraten und unterstützt werden. Während der öffentliche Diskurs sich schnell auf Zahlen, Koalitionsverhandlungen und die Krise etablierter Parteien verengt, wurde im Vorfeld und am Wahlabend eine aktive, kreative und vernetzte Zivilgesellschaft sichtbar. Sie schafft Räume für Begegnung, Beteiligung und politisches Handeln – und damit für ein zentrales Element politischer Bildung: die Erfahrung, selbst handlungsfähig zu sein. Ausgerechnet diese Strukturen und ihre Finanzierung sind nun gefährdet. Dabei braucht es sie gerade jetzt, damit Demokratie im Alltag nicht nur vermittelt, sondern praktiziert werden kann.
Engagement braucht Gelegenheiten

© wir-halle.de
Direkt am Wahlabend in Sachsen-Anhalt verwandelte ein breites Bündnis aus jungen Personen und zivilgesellschaftlicher Gruppen den Park am Steintor in Halle (Saale) in das Camp „SOFA – Solidarischer Ort für Alle“. Vom 6. bis 9. September 2026 bot das 70-stündige Protest- und Begegnungscamp Workshops, Gesprächsrunden, Musik, kostenloses Essen, Kinderbetreuung und Aktionen im öffentlichen Raum. Nach Angaben der Veranstalter:innen kamen zum Auftakt am Sonntagabend rund 1.000 Menschen zusammen – deutlich mehr als erwartet. Ziel war es, einen niedrigschwelligen Ort für Austausch, Vernetzung und gemeinsames Engagement zu schaffen und Menschen zu ermutigen, sich bestehenden Initiativen anzuschließen. [1]
Bereits im August 2026 setzten migrantische Gewerbetreibende in Magdeburg mit dem „Migra-Streik“ ein starkes Signal. Rund 150 bis 160 Läden – darunter Gastronomie, Barbershops und Kioske – schlossen am 26. August für mehrere Stunden ihre Türen, flankiert von einer Kundgebung vor dem Landtag. Die Aktion richtete sich gegen Ausgrenzung, Rassismus und die hohen Umfragewerte der AfD vor der Landtagswahl. Sie sollte die möglichen Folgen einer AfD-Regierung sichtbar machen und für eine demokratische Gesellschaft werben. Viele Teilnehmer:innen informierten ihre Kundschaft mit dem Satz: „Wir schließen heute unsere Läden, damit sich morgen nicht die Türen zu einer freien und demokratischen Gesellschaft schließen.“ [2]
Barbara Höckmann, Präsidentin des AWO-Landesverbandes in Sachsen-Anhalt, betonte nach der Wahl, dass sich in den vergangenen Monaten eine „lautstarke und kreative Zivilgesellschaft“ gezeigt habe, die den Zielen der AfD entgegenstehe. „Dieser Widerstand ist ungebrochen. Wir machen weiter.“ [3] Die AWO verstehe sich dabei als „sozialanwaltliche“ Instanz, die für die Interessen verwundbarer Gruppen einstehe. Zahlreiche Kampagnen, kulturelle Veranstaltungen und klare Stellungnahmen von Unternehmen begleiteten den Wahlkampf. Viele Menschen spendeten, unterstützten in sozialen Medien oder reisten eigens nach Sachsen-Anhalt, um vor Ort zu helfen.
Aus Beratung wird Beteiligung
Die Beispiele aus Halle und Magdeburg zeigen, wie schnell sich Menschen angesichts demokratiefeindlicher Entwicklungen zusammenschließen und öffentlich sichtbar werden können. Damit aus solchen Aktionen jedoch nachhaltige demokratische Strukturen entstehen, braucht es auch längerfristige Begleitung, fachliche Unterstützung und lokale Vernetzung. Wie können Engagierte, Vereine, Kommunen und Initiativen darin gestärkt werden, vor Ort handlungsfähig zu bleiben?
Ein zentrales Instrument dafür ist die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus. Sie unterstützt Menschen, Initiativen, Vereine, Schulen, Kommunen und andere Organisationen im Umgang mit Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und weiteren menschenfeindlichen Ideologien. Im Mittelpunkt stehen konkrete Situationen vor Ort, etwa rechtsextreme Aktivitäten in einer Gemeinde, rassistische Vorfälle in einer Schule oder Anfeindungen gegenüber zivilgesellschaftlich Engagierten. Ein wesentliches Merkmal ist das Prinzip der „Hilfe zur Selbsthilfe“: Berater:innen geben keine fertigen Lösungen vor, sondern entwickeln gemeinsam mit den Ratsuchenden passgenaue Handlungsmöglichkeiten unter Einbeziehung des lokalen Umfelds. Ziel ist es, Menschen und Organisationen dauerhaft handlungsfähiger zu machen und demokratische Strukturen im Gemeinwesen zu stärken. Die Arbeit beruht auf einer menschenrechtsorientierten Grundhaltung und versteht sich ausdrücklich nicht als neutral gegenüber demokratiefeindlichen Ideologien.
Methodisch folgen Mobile Beratungsteams den Grundsätzen Anlass- und Bedarfsorientierung, Ressourcenorientierung, Gemeinwesenorientierung und Niedrigschwelligkeit. Sie setzen an konkreten Problemen und Veränderungswünschen an, berücksichtigen lokale Bedingungen und stärken vorhandene Kompetenzen und Netzwerke. Im Unterschied zu Opferberatungsstellen oder Ausstiegsberatungen richtet sich Mobile Beratung vor allem an das soziale und institutionelle Umfeld, um dieses beim Umgang mit demokratiefeindlichen Entwicklungen zu unterstützen. [4] Mobile Beratung kann multiplikatorisch wirken: Aus Beratungsprozessen entstehen Workshops für Kollegien, Vorträge im Gemeindesaal, Kochabende mit Geflüchteten, Stolpersteinverlegungen, Informationsveranstaltungen zum Versammlungsrecht, Anwohner:innen-Initiativen und Bündnisse, die Demonstrationen, Kundgebungen oder Stadtteilfeste organisieren. Ein eindrückliches Beispiel ist das Stadtlabor Zeitz: Mitten in der Zeitzer Innenstadt entstand im Anschluss an einen längeren Beratungsprozess ein offener Treffpunkt für Engagement, Begegnung und Beteiligung. Seit 2021 bietet der ehemalige Leerstand in der Wendischen Straße Raum für Bürgerinitiativen, kulturelle Veranstaltungen, interkulturellen Austausch und Demokratiebildung. Getragen wird das Stadtlabor heute vor allem vom ehrenamtlichen Engagement des Stadtlabor Zeitz e.V.. Im Juni 2026 wurde der Verein beim startsocial-Wettbewerb im Bundeskanzleramt ausgezeichnet. [5]
Ermächtigung statt Belehrung

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Politische Bildung wird wirksam, wenn sie an die eigene Lebenswelt anknüpft, konkret erfahrbar wird und anlassbezogene Gelegenheiten zur Anwendung bietet. Denn was abstrakt und lebensweltfern bleibt, erreicht Menschen oft nicht nachhaltig. Erst wenn politische Fragen einen konkreten Bezug zum eigenen Alltag haben und Möglichkeiten zum eigenen Handeln eröffnen, kann politische Bildung Resonanz erzeugen und Menschen im besten Fall zum aktiven Mitgestalten befähigen. Mobile Beratung lässt sich als eine entscheidende Methode von politischer Bildung verstehen: einzelne Menschen, Gruppen oder Institutionen wenden sich an sie, weil sie ein Problembewusstsein oder zumindest ein irritierendes Störgefühl haben. Oft wird zunächst eine fachliche, politische oder subkulturelle Einordnung vorgenommen. Danach wird Schritt für Schritt geschaut, welche Handlungsmöglichkeiten bestehen. Anschließend wird anhand der bestehenden Ressourcen überlegt, ob und wie die Beratungsnehmenden ins Handeln kommen können unter Einbeziehung des Gemeinwesens und der vorhandenen lokalen Strukturen.
Verbündete zu finden und in Verbundenheit zu handeln, ist gelebte Demokratie. Darin liegt ein wichtiger Aspekt demokratischer Resilienz. Menschen und Institutionen darin zu stärken, demokratiefeindlichen Entwicklungen nicht ohnmächtig gegenüberzustehen, sondern gemeinsam Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Im Idealfall ermächtigt Beratung Beratungsnehmende sogar dazu, selbst zu politischen Bildungsakteur:innen zu werden, indem sie gemeinsam mit Verbündeten eigene Formate entwickeln.
In der Entwicklung solch eigener Formate entstehen auch Orte gelebter solidarischer Utopie. Das GutAlaune ist ein selbstorganisierter Wohn-, Kultur- und Projektort in der Franzigmark nördlich von Halle (Saale). Dort leben sowohl Menschen gemeinschaftlich und arbeiten mit Gästen und Ehrenamtlichen an verschiedenen Projekten. Im Mittelpunkt stehen ökologisches und nachhaltiges Leben, Naturschutz, Gemeinschaft und Kultur. Dazu gehören etwa Gemeinschaftsgärten, offene Holz- und Metallwerkstätten, Workshops, Theater- und Akrobatikkurse sowie Veranstaltungen und das jährliche GutAlaune-Festival. Ein wichtiger Teil der Geschichte ist das „Reallabor GutAlaune“: Von 2021 bis 2024 wurde dort mit Förderung des Bundesforschungsministeriums erforscht, wie selbstorganisierte Gemeinschaften funktionieren können – etwa wie Entscheidungen getroffen werden, wie gemeinschaftliches Arbeiten gelingt und wie nachhaltige Lebensweisen praktisch ausprobiert werden können. [6]
Gerade für die politische Jugendbildung bedeutet das: Ermächtigung statt Belehrung. Emanzipatorische politische Bildung nimmt junge Menschen ernst, traut ihnen etwas zu und eröffnet Räume, in denen sie eigene Fragen, Positionen und Handlungsmöglichkeiten entwickeln können. Ob im Protestcamp, im Stadtteillabor, in der mobilen Beratung oder an selbstorganisierten Orten wie GutAlaune: Entscheidend ist, dass junge Menschen Gelegenheiten bekommen, sich einzubringen, Verbündete zu finden und die Erfahrung zu machen, gemeinsam etwas bewirken zu können. Aus solchen Erfahrungen kann nachhaltiges Engagement entstehen – und aus Engagement werden Strukturen, die demokratische Teilhabe auch im Alltag ermöglichen. Gerade angesichts demokratiefeindlicher Entwicklungen braucht es deshalb nicht weniger, sondern mehr solcher Räume. Gelegenheit macht Aktive – und aktive Menschen machen Demokratie.
Kontakt: Lena Lehmann
