18. November 2025 | Evangelische Akademie Hofgeismar
Ein Wochenende voller Demokratie
Kinder, Eltern und Studierende gestalten eine sozial-ökologische Zukunftsstadt aus LEGO
Wie sieht eine gerechte, nachhaltige und lebenswerte Stadt der Zukunft aus? Diese Frage stellten sich Anfang November rund 60 Teilnehmende der Kinderakademie der Evangelischen Akademie Hofgeismar – darunter Kinder, Eltern, Großeltern und Lehramtsstudierende der Universität Kassel. Gemeinsam bauten sie an einem Wochenende ihre eigene Stadt, die – in Anlehnung an das Akademie-Maskottchen „Akademieze“ – unter dem Namen „KittyCity“ ins Leben gerufen wurde.
Im Zentrum stand das kreative Planspiel rund um die fiktive Stadt KittyCity, das Pfr. Martin Kugler (Ev. Jugend Allgäu), Dr. Gesine Bade (Universität Kassel) und Dr. Oliver Emde (Evangelische Akademie Hofgeismar) gemeinsam entwickelt haben. 150.000 LEGO-Steine boten dabei nicht nur Material, sondern auch Einladung, gesellschaftspolitische Fragen für Kinder im Grundschulalter sichtbar und begreifbar zu machen. Denn gebaut wurde nicht einfach ins Blaue hinein: Im Rahmen fiktiver Stadtratssitzungen, Ausschussdebatten und Verwaltungsgespräche wurden konkrete Herausforderungen diskutiert und Lösungen entwickelt.
Politische Debatten und gesellschaftliche Herausforderungen in der LEGO-Stadt
Kinder und Erwachsene schlüpften während des Wochenendes in Rollen, aus deren Perspektive sie die Stadt mitgestalten: Die unterschiedlichen Interessen von Arbeiter*innen, Unternehmer*innen, Umweltschützer*innen, Fahrrad- und Autofahrer*innen trafen in Ausschusssitzungen oder im Stadtrat aufeinander. Für das ein oder andere Bauprojekt wurden dadurch spannende Aushandlungsprozesse in Gang gesetzt – und politische Kompromisse geschlossen.
Vier Herausforderungen prägten den Samstagnachmittag, als die Stadt bereits aus über 70 Gebäuden bestand: Platzmangel und zunehmende Wohnungsnot, Konflikte um Freiraumnutzungen, die Notwendigkeit zur CO2-Reduktion sowie die Anpassung an Klimafolgen wie Hitze oder Starkregen. Die Lösungsansätze waren kreativ – und doch an der gesellschaftlichen Wirklichkeit orientiert: Tiny Houses in Hinterhöfen, schwimmende Häuser auf dem See, Dachgärten und Brunnen zur Abkühlung, Picknickplätze, öffentliche Sportplätze und Begegnungsstätten gegen Einsamkeit, Solardächer, Fahrradstraßen und ein neuer Öko-Stadtbus für die angestrebte Verkehrswende. Besonders eindrucksvoll: ein Pilotprojekt, das Strom aus einem Wasserfall gewinnen sollte und durch das man sich mittelfristig vom Kohlekraftwerk der Stadt verabschieden könne.
Die Diskussionen im Stadtrat, die diesen Maßnahmen vorangingen, spiegelten reale gesellschaftliche Konflikte wider: So wurde die Forderung nach mehr Fahrradstraßen von einem Autofahrer kritisiert, der weiterhin Zugang zu seiner Garage verlangte. Das große Grundstück mit Park, das eine alleinstehende älteren Dame geerbt hatte, sollte der gesamten Stadtgesellschaft zugänglich gemacht und vergesellschaftet werden. Auch die mögliche Schließung eines Kohlekraftwerks führte zu hitzigen Debatten – nicht nur um Energieversorgung, sondern auch um Arbeitsplätze. Die Kinder argumentierten faktenbasiert, engagiert und mit großer Ernsthaftigkeit.
Bilder: Oliver Emde / Lukas Boldt
Das Geschehen in der Stadt dokumentierte die fiktiven Lokalzeitung „KittyCity-Lokalanzeiger“: Hier wurde über Baufortschritte, politische Debatten, kulturelle Ereignisse und gesellschaftliche Herausforderungen berichtet. Interviews mit Bewohner*innen, Kontaktanzeigen oder eine Sonderseite zur Klimapolitik machten das Geschehen greifbar. Eines der beeindruckendsten Bauprojekte stammte von Micha und Albrecht; Vater und Sohn errichteten die Kirche von KittyCity. Ihr Ansatz: Die Kirche soll kein abgetrennter Ort sein, sondern offen für alle. Sie integrierten eine Notunterkunft, ein Gemeinschaftscafé und öffentliche Toiletten. Ein starkes Zeichen für eine Kirche, die mitten in der Stadtgesellschaft steht – vielleicht auch Inspiration für die Gebäudestrategien vieler realer Landeskirchen.
Vorbereitet und begleitet wurde die Akademie von 13 Studierenden des Grundschullehramts, die bereits seit Mai 2025 mit Martin Kugler, Dr. Gesine Bade und mir den Ablauf planten und das Konzept weiterentwickelten. Der didaktische Ansatz der sozial-ökologischen Bausteinestadt der Zukunft verbindet Planspiel, kreative Gestaltung, Rollenspiel und Reflexion. In KittyCity lernen Kinder Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen, Kompromisse auszuhandeln und Gemeinsinn zu entwickeln – spielerisch, aber nicht beliebig. Es geht um nichts weniger als um die Stadt von morgen. Dieses Konzept wollen wir weiter ausarbeiten und lassen dabei die spannenden Erfahrungen des Wochenendes einfließen. Die Kinderakademie Hofgeismar findet seit 1976 zweimal jährlich statt und bringt Kinder und Erwachsene in intergenerationellen Lernformaten zusammen. Ziel ist es, politische Bildung auf Augenhöhe zu ermöglichen: Kinder als politische Subjekte ernst zu nehmen, ihnen Beteiligung zuzutrauen und demokratische Aushandlungsprozesse erfahrbar zu machen.
Wer Interesse hat, selbst Bewohner*in von KittyCity zu werden, hat im Sommer 2026 die Gelegenheit: Im Rahmen einer „Lego-Bauwoche“ vom 20.-25. Juli 2026 werden wieder Kinder und ihre erwachsene Begleiter*innen eingeladen, eine sozial-ökologische Zukunftsstadt zu errichten. Mehr Informationen zur Veranstaltung sind hier zu finden.
Kontakt: Dr. Oliver Emde








