29. September 2026 | Evangelischen Jugend in Niedersachsen
Brüssel erleben
Geschichte, Macht und Mitbestimmung
Eine viertägige Bildungsfahrt der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Niedersachsen führte im Spätsommer rund 20 jungen Erwachsene nach Brüssel. Ziel der Exkursion ins politische Zentrum Europas war es, europäische Politik und ihre Institutionen unmittelbar kennenzulernen, politische Zusammenhänge verständlicher zu machen und Möglichkeiten demokratischer Beteiligung aufzuzeigen: Wie ist die Europäische Union entstanden, wo und wie werden Entscheidungen getroffen und welche Möglichkeiten haben junge Menschen, sich einzubringen?
Von der Friedensidee zum heutigen Europa
Besuche in der Vertretung des Landes Niedersachsen bei der Europäischen Union und im Europäischen Parlament gaben Einblicke in europäische Entscheidungsprozesse und das Zusammenspiel unterschiedlicher politischer Ebenen. Dabei wurde deutlich, dass junge Menschen die EU heute vor allem mit Freizügigkeit, Mobilität und wirtschaftlicher Zusammenarbeit verbinden, während ihre historische Bedeutung als Friedensprojekt weniger präsent war. Diese Wahrnehmung spiegelte sich auch in einem Fazit eines 20jährigen Teilnehmers wider: „Für mich bedeutet Europa vor allem, dass ich einfach in andere Länder reisen, dort studieren oder später arbeiten kann. Dass die EU ursprünglich auch dafür da war, Frieden zu sichern, war mir ehrlich gesagt, gar nicht so präsent“. Es gelang, diesen historischen Bezug mit heutigen Lebensrealitäten zu verknüpfen und neu ins Bewusstsein zu rücken. Durch den Vergleich mit früheren Generationen, für die Grenzen, politische Spannungen und kriegerische Auseinandersetzungen die Realität Europas wesentlich stärker prägten, wurde die historische Dimension für die jungen Teilnehmenden greifbarer. Zugleich zeigten die anschließenden Gespräche, dass vieles, was für junge Menschen heute in Europa selbstverständlich ist, eng mit dem Zusammenwachsen Europas verbunden ist: Reisen, persönliche Kontakte und Freundschaften über Landesgrenzen hinweg oder die Verbindung durch soziale Medien. Auch die Auseinandersetzung mit aktuellen Herausforderungen wie dem Klimawandel oder dem Schutz demokratischer Werte verdeutlichte, wie wichtig gemeinsames Handeln über nationale Grenzen hinweg ist.
Im Parlamentarium und im Haus der Europäischen Geschichte wurde die Auseinandersetzung mit historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Europas vertieft. Anhand von Exponaten, historischen Dokumenten, Bildern und interaktiven Medien setzten sich die jungen Teilnehmenden mit prägenden Ereignissen und Umbrüchen der europäischen Geschichte auseinander. Dabei ging es unter anderem um Teilung und Kriege, einschneidende Ereignisse, gesellschaftlichen Wandel, die Entwicklung demokratischer Strukturen. Nach einer Übung mithilfe eines persönlichen und gesellschaftlichen Zeitstrahls fasste eine Teilnehmerin ihre Eindrücke wie folgt zusammen: „Ich kannte viele Ereignisse schon aus der Schule, aber hier waren es nicht nur Jahreszahlen und Fakten. Durch die Bilder und persönlichen Geschichten wurde viel deutlicher, was die Menschen damals erlebt haben, wo wir heute gesellschaftlich stehen und wie sehr sich Europa verändert hat.“
Europa als demokratischer Gestaltungsraum
Im Gespräch mit Dorothee Ammermann, Referentin für Europäische Jugend- und Bildungspolitik bei der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V., stand die politische Beteiligung junger Menschen im Mittelpunkt. Zur Vorbereitung entwickelten die Teilnehmenden in Kleingruppen eigene Fragestellungen. Dabei setzten sie sich mit ihren persönlichen Interessen und Erwartungen auseinander und überlegten, welche Anliegen junge Menschen auf europäischer Ebene einbringen könnten. Im gemeinsamen Austausch diskutierten sie, wie ihre Interessen auf europäischer Ebene berücksichtigt werden und welche Möglichkeiten der Mitgestaltung bestehen.
Eine Stadtführung ergänzte die institutionellen Perspektiven um konkrete gesellschaftspolitische Fragen. Unter anderem anhand der Themen Mobilität und Verkehrssicherheit sowie aktueller politischer Entwicklungen nach den Wahlen 2024, insbesondere des Erstarkens rechter Kräfte, wurde sichtbar, wie politische Entscheidungen das gesellschaftliche Zusammenleben beeinflussen. Beispielsweise wurde in Belgien die Regierung erst nach monatelanger Verhandlung gebildet und umfasst nun fünf Regierungsparteien. In diesem Zusammenhang brachten die Teilnehmenden auch Fragen zum Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt, zunehmender politischer Polarisierung und den Herausforderungen für die Demokratie ein.
Die Fahrt verband politische Bildung mit kritischer Diskussion, persönlichen Begegnungen und unmittelbaren Eindrücken. Die Teilnehmenden konnten politische Zusammenhänge hinterfragen, eigene Positionen entwickeln und sich mit ihrer Rolle und ihren Beteiligungsmöglichkeiten in einem demokratischen Europa auseinandersetzen.
Kontakt: Sarah Vogel
