Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
16. März 2026 | Evangelische Akademie Hofgeismar

Bildung und Erziehung in kriegerischen Zeiten

Wie politische Bildung mit Krieg, Unsicherheit und Militarisierung umgehen kann


Kriege und bewaffnete Konflikte sind wieder stärker Teil der öffentlichen Debatten – und drängen damit auch in den pädagogischen Alltag politischer Bildner*innen. Nachrichten über den Krieg in der Ukraine, über Gaza und den Iran oder über steigende Rüstungsausgaben erreichen Klassenzimmer ebenso wie Seminarräume. Gleichzeitig werden Fragen nach Wehrpflicht, Aufrüstung und der Rolle der Bundeswehr in der Schüler*innenschaft intensiver diskutiert, wie die bundesweiten Schüler*innenstreiks der vergangenen Woche zeigen. Viele Lehrkräfte und politische Bildner*innen erleben dabei eine doppelte Herausforderung: Einerseits sind diese Themen für Kinder und Jugendliche hoch relevant. Andererseits fehlt es häufig an Zeit, Austauschformaten und didaktischer Orientierung, um sie im Unterricht oder in Bildungsangeboten fundiert zu bearbeiten.

Vor diesem Hintergrund veranstalteten die Evangelische Akademie Hofgeismar, das Fachgebiet Didaktik der politischen Bildung der Universität Kassel und der GEW-Kreisverband Kassel-Stadt im Februar 2026 den Fachtag „Bildung und Erziehung in kriegerischen Zeiten“. Ziel war es, Lehrkräfte, politische Bildner*innen und Studierende miteinander ins Gespräch zu bringen und einen Raum zu schaffen, in dem unterschiedliche Perspektiven auf Krieg, Frieden und Bildung diskutiert werden können.

Bildung zwischen Friedensanspruch und Militarisierung

Die Frage, welche Rolle Bildung in kriegerischen Zeiten spielt, ist keineswegs neu – sie stellt sich jedoch unter den aktuellen politischen Entwicklungen erneut mit besonderer Dringlichkeit. Friedenspädagogische Ansätze betonen, dass Bildung nicht neutral gegenüber Gewalt, Militarisierung und Krieg bleiben kann. Friedensbildung zielt darauf, Kompetenzen zu stärken, mit denen Menschen Konflikte analysieren, Feindbilder hinterfragen und gewaltfreie Formen politischer Auseinandersetzung entwickeln können. Sie verbindet soziales Lernen – etwa Empathie, Zivilcourage und Konfliktfähigkeit – mit politischem Lernen über internationale Konflikte, Machtverhältnisse und Friedensstrategien.

Gleichzeitig weisen erziehungswissenschaftliche Analysen darauf hin, dass Bildungssysteme häufig zu den ersten gesellschaftlichen Bereichen gehören, die sich verändern, wenn sich kriegerische Konflikte zuspitzen. Begriffe wie „Wehrhaftigkeit“ oder „Kriegstüchtigkeit“ tauchen zunehmend auch in pädagogischen Debatten auf. Dadurch kann sich schleichend eine Verschiebung der normativen Grundlagen von Bildung ergeben – von einer offenen Zukunftsperspektive hin zu einer stärker sicherheitspolitisch geprägten Orientierung. Gerade deshalb stellt sich die Frage, wie Bildungseinrichtungen Räume für kritische Analyse, demokratische Urteilsbildung und friedensorientierte Perspektiven offenhalten können.

Ein Fachtag als Raum für Austausch

Der Kasseler Fachtag griff diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven auf. Er wurde von einem Team aus Schule, Universität, politischer Bildung und Gewerkschaft gemeinsam organisiert – mit dem Ziel, Menschen aus verschiedenen Bildungsbereichen miteinander ins Gespräch zu bringen. „Die Themen Krieg, Aufrüstung und Sicherheitspolitik tauchen zunehmend im Schulalltag auf“, erklärt Organisatorin Nilda Inkermann von der Universität Kassel. „Gleichzeitig gibt es kaum Fortbildungen oder Räume, in denen Lehrkräfte diese Fragen gemeinsam reflektieren können. Genau so einen Raum wollten wir mit dem Fachtag schaffen.“

Ein Blick in die Workshops zeigt, wie vielfältig die Perspektiven auf das Thema waren. So berichtete eine Psychologin aus der Praxis über die Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen, deren Schulalltag oft von Kriegserfahrungen geprägt ist. Dabei wurde deutlich, dass Schule zwar keine therapeutische Einrichtung sein kann – aber dennoch das Potenzial birgt, ein wichtiger Ort von Stabilität, Verlässlichkeit und Beziehung zu sein.

Kontrovers diskutiert wurde auch die Frage nach der Bundeswehr in der Schule. Kritische Stimmen verwiesen darauf, dass militärische Akteure zunehmend um Nachwuchs werben und damit auch Einfluss auf gesellschaftliche Debatten nehmen. Gleichzeitig stellte sich die Frage, wie politische Pluralität gewahrt werden kann, wenn bestimmte Perspektiven stärker präsent sind als andere.

Ein anderer Workshop beschäftigte sich mit sozialer Verteidigung und zivilem Widerstand als Alternativen zu militärischen Sicherheitsstrategien. Diskutiert wurde, welche Rolle Bildung für eine friedensorientierte Konfliktbearbeitung spielen kann.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf kritischer Medienbildung. Gerade in Zeiten digitaler Informationskriege – mit Desinformation, Bots und Influencer-Kampagnen – wird Medienkompetenz zu einer zentralen Voraussetzung politischer Urteilsfähigkeit.

Komplexität sichtbar machen

Für viele Teilnehmende war der Austausch über diese unterschiedlichen Perspektiven ein zentraler Gewinn des Fachtags. „Wir wollten zeigen, dass diese Fragen nicht einfach zu beantworten sind“, sagt Nilda Inkermann. „Gerade deshalb ist es wichtig, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Positionen sichtbar werden und in denen Menschen gemeinsam darüber nachdenken können, wie sie mit dieser Komplexität umgehen.“

Auch Martin Gertenbach vom GEW-Kreisverband Kassel-Stadt zieht ein positives Fazit: „Schule und politische Bildung stehen unter Druck, wenn gesellschaftliche Konflikte zunehmen. Gerade dann brauchen Pädagog*innen Orte, an denen sie Erfahrungen austauschen und gemeinsam Orientierung entwickeln können.“

Der Fachtag „Bildung und Erziehung in kriegerischen Zeiten“ verstand sich als ein solcher Ort. Er zeigte, dass politische Bildung nicht alle Konflikte lösen kann – aber entscheidend dazu beitragen kann, sie reflektierbar und diskutierbar zu machen. Gerade in kriegerischen Zeiten bleibt das eine zentrale Aufgabe politischer Bildung.

Kontakt: Dr. Oliver Emde