8. April 2026 | Evangelische Akademie zu Berlin
Berlin als Stadt der Vielstimmigkeit
Einblicke in das Filmprojekt „Wem gehört die Stadt“
Jugendliche haben etwas zu sagen! Das war eine der Titelideen für einen Film, den junge Berufsschüler*innen im Projekt „Wem gehört die Stadt“ (eine Kooperation mit der Evangelischen Jugendbildungsstätte Haus Kreisau Berlin) entwickelt und realisiert haben. Ende März haben die Mitwirkenden ihren Film im Rahmen des Kongresses „Jugend findet Stadt“ gezeigt und sind mit Berliner Abgeordneten zu jugendpolitischen Fragen ins Gespräch gegangen.
Der Wunsch, dass die Situation junger Menschen in Berlin in Entscheidungen zur Gestaltung der Stadt Gewicht hat und gehört und gesehen wird, wurde in dieser Diskussion sehr deutlich. Das Filmprojekt hatte genau das, die Sichtbarmachung von Perspektiven junger Erwachsener auf Berlin, zum Ziel. Drei Monate lang traf sich eine Gruppe junger Berliner*innen zu mehreren Workshops und Exkursionen, um ihren eigenen Film zu Berlin zu erarbeiten. Sie beschäftigten sich mit ihren Gefühlen zu der Stadt und übersetzten diese in filmische Bilder. Dabei arbeiteten sie assoziativ und metaphorisch, und setzen sich selbst und Andere auf kreative Art und Weise in Bezug zu verschiedenen städtischen Räumen. Um einen eigenen Blick auf die Stadt zu entwickeln, wurden die Teilnehmenden eingeladen, ein Videotagebuch mit ihren Smartphones zu führen, an Hand von Leitfragen wie: Was für Details fallen Dir auf, wenn du im Stadtraum unterwegs bist? Mit welchen Gefühlen bist du an dem Ort?
Wer macht die Stadt? Entdeckungen in Berlin
Zwei Exkursionen führten die Teilnehmenden zu Orten, an denen Stadtgeschichte und -gestaltung sowie Konflikte um städtischen Raum greifbar werden. In den Dialogen mit einer Vielzahl an Stadtgestalter*innen erprobten die Teilnehmenden Interviewtechniken und waren nicht nur Zuhörer*innen sondern erkundeten aktiv die Räume und Geschichten der Gesprächspartner*innen – mit Fragen oder mit Bildern. Ein Programmpunkt war die Kunstfabrik an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze mitten in Kreuzberg, wo die Gruppe mit einem Künstler ins Gespräch kam, der sich mit Anderen diese alte DDR-Fabrik nach der Wende angeeignet hatte. Er brachte den jungen Erwachsenen Geschichten von Flucht und Überwachung und seine Perspektiven auf ein Recht auf Stadt näher. Ein weiteres Highlight war die Besichtigung und der Filmdreh auf dem Fernsehturm, um sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen und sich mit einer Vogelperspektive Berlin neu anzueignen.
In den Gesprächen ging es auch um die Frage nach Räumen, die den jungen Erwachsenen Rückzugs- und Entfaltungsort sind in der Stadt – und wo sie Barrieren und Ausschlüsse erleben. Dazu führte die zweite Exkursion zum Lebens- und Wirkungsort einer jungen Initiative gegen Diskriminierung und Ausgrenzung in Kreuzberg. Die Gruppe besichtigte deren Fotoausstellung von und mit migrantisierten Stadtbewohner*innen und kam mit der Initiative ins Gespräch. Das war inspirierend für Fragen zu Zugehörigkeit und Teilhabe in Berlin. Nebenbei konnten die Teilnehmenden bei den Kuratorinnen Tipps und Tricks für die eigene filmische Arbeit einholen. Besonders greifbar wurde die Frage des Projekttitels „Wem gehört die Stadt?“ beim Besuch des Tempelhofer Feldes und im Gespräch mit Aktivist*innen rund um den Erhalt dieser Freifläche, denn hier wurde deutlich: Die Frage, wie das Feld genutzt werden, ist umstritten und hoch politisiert und nicht alle haben gleiches Mitspracherecht.
Beziehungsstatus: kompliziert!
Die Videotagebücher und Exkursionen waren eine Hinführung zum dokumentarischen filmischen Arbeiten, das in zwei folgenden mehrtägigen Workshops vertieft wurde. Hier war der Ausgangspunkt das Experimentieren mit den Räumen – und der Ausdruck von Gefühlen zur Stadt. Ganz zum Schluss entstand dann ein Text, der diesen Gefühlen eine Stimme gab – in Form von Liebesbriefen an Berlin, die mehr oder weniger euphorisch waren. Vielleicht ist das auch eine Art Fazit des Projekts oder Beschreibung des Films: Vielstimmigkeit. Sie prägt das Leben in Berlin, sie prägte die Gruppe, die ganz heterogene Geschichten und Bezüge zu Berlin mitbrachte und auch den Film. Es gibt nicht die eine klare Antwort auf die Frage, wie es jungen Menschen in Berlin geht – es gibt hoffnungsvolle, frustrierte, verbitterte und verspielte Stimmen, und manchmal sind diese Gefühle auch alle gleichzeitig da. Den Film gibt es ab sofort hier zu sehen:
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Spannend ist, dass die assoziative, poetische Stimmung des Films bei Betrachter*innen eine Resonanz auslöst, die nicht kognitiv-argumentativ ist, sondern emotional. Die politischen Gäste und Erwachsenen im Publikum der Premiere zeigten sich berührt von den vielen Fragen an Berlin, die die jungen Filmemacher*innen im Film stellten, und fanden sich in den Bildern und Atmosphären der Stadt selbst wieder. Das ist ein guter Ausgangspunkt um ins Gespräch zu kommen und um als junger Mensch Gewicht in Diskussionen zu erhalten – nicht als homogene Interessensgruppe der „jungen Menschen“, sondern als Akteure, die an das Verspielte und Vielseitige im Leben erinnern und damit stark machen, wie wichtig es ist, als Stadtgesellschaft Freiräume zur Selbstverwirklichung und zum Ausprobieren offen zu halten.
Ansprechperson: Dr. Hannah Schilling
