7. August 2025 | Evangelische Akademie der Nordkirche
Zwischen Geschichte und Gegenwart
Jugendliche auf Spurensuche jüdischen Lebens in Berlin
In einer Zeit, in der das Bewusstsein für Vielfalt und Toleranz immer wichtiger wird, hat sich die Evangelische Akademie der Nordkirche gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Innenstadtgemeinde Rostock auf eine spannende Reise nach Berlin begeben. Die Vorfreude war groß, als sich eine Gruppe Jugendlicher auf den Weg nach Berlin machte: junge Menschen aus Rostock und Berlin, die die facettenreiche Geschichte und das heutige Leben der jüdischen Gemeinschaft in der Hauptstadt erkunden und kennenlernen wollten. Diese Reise war nicht nur eine Entdeckungstour, sondern eine Gelegenheit, die Vielfalt und Selbstbestimmung jüdischen Lebens zu erleben – und darüber nachzudenken, wie Erinnerung in unserer Gesellschaft verstanden und gestaltet wird.
Synagogen: Orte des Glaubens und der Gemeinschaft

Eingang der Synagoge; Foto: C. Carla
In Berlin angekommen, stand der Besuch der Synagoge Rykestraße im Ortsteil Prenzlauer Berg, im sogenannten Kollwitzkiez, auf dem Programm. Seit ihrer Wiedereinweihung 1953 ist sie die größte Synagoge Deutschlands. Sie beeindruckte nicht nur architektonisch und mit ihrer wechselvollen Geschichte, sondern auch mit berührender Musik beim Schabbat-Gottesdienst. Eine anschließende Tour führte unter anderem zum ehemaligen Wohnhaus von Käthe Kollwitz, zum Jüdischen Friedhof, zum Erinnerungsort Auerbach’sches Waisenhaus und vielen anderen Orten vorbei, an denen jüdisches Leben stattfindet und gezeigt wird. Ein mehr als 10 km langer Spaziergang führte vorbei an der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße und dem Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn in der Hamburger Straße in Berlin-Mitte. Die besuchten Orte zu sehen, war lehrreich und gleichzeitig emotional bewegend. Der notwendige Polizeischutz mit ständiger Präsenz sowie die Sicherungen durch teilweise sehr hohe Zäune und die Sicherheitskontrollen zeigten deutlich, wie sehr jüdische Orte und Einrichtungen gefährdet sind und dass sie einen hohen Schutz benötigen.
Das Jüdische Museum: Einblicke in die Geschichte
Ein Höhepunkt der Reise war der Besuch im Jüdischen Museum. Der geführte Ausstellungsbesuch zum Jüdischen Leben nach 1945, war interaktiv gestaltet und die Verbindung von Kunstwerken mit politischen Themen wie Exil und dem Gedenken an die Opfer von Gewalt und Krieg ermöglichte verschiedene körperliche Erfahrungen, die einen sehr eindrücklichen und emotionalen Zugang hinterließ. Auch eine persönliche Auseinandersetzung mit den Ausstellungsstücken wurde dadurch angeregt. Ein Jugendlicher sagte: „Ich hatte mich noch nie damit auseinandergesetzt, wie Jüdisches Leben direkt nach 1945 ausgesehen haben muss. In der Schule und in den meisten Ausstellungen oder Führungen dazu wurde immer nur über die Zeit im Dritten Reich und im Jetzt geredet und auch von selbst bin ich nie darauf gekommen, dass es ja auch Überlebende gegeben haben muss, die dann nach Ende des 2. Weltkrieges Vieles neu aufbauen und schwere Entscheidungen treffen mussten. Die Details aus der Ausstellung im Jüdischen Museum haben vielleicht einen Aspekt davon eingefangen und konnten es zumindest ein bisschen greifbarer für mich machen.“
Deutlich wurde ebenfalls, dass es sehr unterschiedliche Lebens- und Glaubensweisen innerhalb des Judentums gibt und spannend feststellen zu können, wie unterschiedlich die Fragen nach jüdischer Identität beantwortet werden. Einige Jugendliche nutzten die Chance, auch weitere Teile des Museums kennenzulernen, die durch die Jahrhunderte jüdischen Lebens in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart führten. Die interaktiven Elemente und die eindrucksvolle Architektur des Museums regten zum Nachdenken an und ließen die Teilnehmenden die Herausforderungen und Errungenschaften der jüdischen Gemeinschaft besser verstehen.
Berlin neu entdecken
Bei einer anschließenden Stadtführung konnte Berlin Mitte aus einer neuen Perspektive entdeckt werden: Stolpersteine, die an die Opfer des Holocausts erinnern, die Fahne Israels vor dem Roten Rathaus, Gedenkorte wie das ehemalige Wohnhaus des Philosophen Moses Mendelssohn, der Erinnerungsort an die Rosenstraßen-Proteste, das Ephraim-Palais als Heimat der Ephraim Veitel Stiftung, die jüdisches Leben in Deutschland fördert. Am Luther-Denkmal thematisierten wir miteinander die christlichen Signaturen des Antisemitismus. Der informative Stadtspaziergang machte allen deutlich, dass die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens bis in das Mittelalter zurückreicht.

Foto: Claudia Carla
Als die Jugendlichen durch den Bauzaun beim „House of One“ lugten, ging ein Staunen und Begeisterung durch die Gruppe, als der Grundstein für das Mehrreligionenhaus in Berlin entdeckt wurde. Der Gedanke, dass drei Religionen in einem Haus friedlich zusammen sind, beeindruckte sehr.
In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche schließlich erfuhr die Gruppe von der Versöhnungsarbeit und der Bedeutung, die das Erinnern für die Gesellschaft hat. Ihre Geschichte als neu aufgebaute Kirche neben der durch den Krieg zerstörten ursprünglichen Kirche Kaiser Wilhelms und gerade auch nach dem Anschlag 2016 auf den Weihnachtsmarkt in Berlin, ist die Kirche ein gemeinsamer Ort der Trauer und der Gemeinschaft. Die dortigen Gespräche mit der Pastorin waren wichtig, um zu verstehen, wie entscheidend es ist, die Geschichte nicht zu vergessen.
Das Erinnern an die deutsche Geschichte nach 1945 stand im Mittelpunkt beim abendlichen Besuch des Bundestagsgeländes: Am Reichstagsufer konnte eine Filmprojektion des Bundestags angeschaut werden. Unter freiem Himmel war es ein eindrückliches Erlebnis, die Film-, Licht- und Tonprojektion an der Fassade des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses zur Entwicklung der parlamentarischen Demokratie zu sehen. Die Installation trägt den Titel: „Menschen und Parlament – Lebendige Demokratie in Deutschland“.
Die Reise nach Berlin war mehr als nur eine Erkundungstour. Sie war ein Einblick in die Vielfalt jüdischen Lebens und die Verantwortung, die wir als Gesellschaft tragen, uns mit der Geschichte und den aktuellen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Die Erlebnisse und Begegnungen auf dieser Reise werden uns begleiten und motivieren, aktiv für ein gutes und friedliches Miteinander von Menschen verschiedener Kulturen und Religionen einzutreten.
Kontakt: Claudia Carla
