Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
25. Juni 2025 | Muslimisches Bildungswerk Erlangen

30 Jahre nach dem Völkermord - Aus Geschichte Verantwortung entwickeln


Am 20. Juni 2025 gedachten das Muslimische Bildungswerk Bayern, Standort Erlangen, und die Bosnische Gemeinde Nürnberg des Völkermordes von Srebrenica im Juli 1995. Die Veranstaltung stand unter dem Titel „30 Jahre nach dem Völkermord – Aus Geschichte Verantwortung entwickeln“ und verband eine historische Rückschau mit der Frage nach der Verantwortung in Gegenwart und Zukunft.

Vor dreißig Jahren wurden mitten in Europa mehr als 8.000 muslimische Männer und Jungen systematisch verschleppt, erschossen und in Massengräbern verscharrt. Frauen und Mädchen wurden Opfer sexualisierter Gewalt, Tausende Familien verloren Angehörige und tragen bis heute die tiefen Spuren dieses Verbrechens. Immer wieder wurde betont, dass dieses Grauen nicht fern auf einem anderen Kontinent, sondern mitten in Europa geschah – eine Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch den Abend zog. Erinnerung darf sich deshalb nicht auf Gedenktage beschränken, sondern muss fest im kollektiven Bewusstsein verankert sein.

Ein Vortrag mit eindringlicher Botschaft

Referent war Armin Begić, politischer Bildner, Theologe und Genderwissenschaftler. Er führte die Zuhörenden eindrücklich durch die historische Entwicklung und legte dabei besonderen Wert auf die Bezüge zur Gegenwart. Er stellte Fragen, die nicht nur intellektuell herausforderten, sondern auch emotional bewegten:

  • Was sagt uns der Genozid von Srebrenica über antimuslimischen Rassismus – damals wie heute?
  • Warum spielte geschlechtsspezifische Gewalt eine so zentrale Rolle, und was lehrt uns das über die Machtstrukturen in Kriegen?
  • Welche Verantwortung tragen wir heute, wenn wir internationale Konflikte beobachten und zugleich erleben, wie Ausgrenzung und Hass mitten in Europa wieder zunehmen?

Begić machte deutlich, dass Erinnerungskultur kein Selbstzweck ist. Sie bildet die Grundlage einer demokratischen Gesellschaft, die sich bewusst macht: Unmenschlichkeit beginnt mit Worten, Feindbildern und Ausgrenzung – und kann, wenn wir nicht wachsam sind, in Gewalt und Vernichtung münden.

Stimmen der Überlebenden

Besonders eindringlich waren die Schilderungen der Augenzeugen, die an diesem Abend eingebracht wurden. Die Stimmen der Überlebenden machten den Schmerz, der bis heute in den Familien fortlebt, eindrücklich greifbar. Geschichten von Vätern, die ihre Söhne nie wiedersehen sollten, von Frauen, die Gewalt ertragen mussten, und von Kindern, die in Massengräbern nach ihren Brüdern suchten – all das führte vor Augen, dass es sich nicht um „Geschichte auf Distanz“ handelt, sondern um lebendige Erinnerung. Viele Zuhörende waren sichtlich bewegt. Manche blieben lange still, andere formulierten Fragen oder persönliche Gedanken. Der Raum war erfüllt von Trauer, aber auch von dem tiefen Bedürfnis, das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Diskussion und gemeinsame Verantwortung

Im zweiten Teil der Veranstaltung entstand eine lebhafte Diskussion. Die Teilnehmenden sprachen über die Bedeutung der Erinnerungskultur in Deutschland und Europa. Dabei wurde immer wieder betont, dass Erinnerung nicht allein Aufgabe der Betroffenen oder ihrer Nachkommen ist, sondern eine gesellschaftliche Verantwortung darstellt.

„Wer vergisst, macht sich mitschuldig an der Wiederholung“, fasste eine Teilnehmerin zusammen. Andere stellten Bezüge zu aktuellen Herausforderungen her, wie dem wachsenden antimuslimischen Rassismus, dem Krieg in der Ukraine, der Gewalt in Gaza oder den Spannungen auf dem Balkan. Erinnerung sei keine rückwärtsgewandte Haltung, sondern eine Verpflichtung, sich heute klar gegen Hass, Rassismus und Unrecht zu positionieren.

Erinnerung als Zukunftsgestaltung

Die Veranstaltung machte eindrucksvoll deutlich, dass Gedenken nicht nur Rückblick, sondern Zukunftsgestaltung ist. Aus der Geschichte erwächst die Verantwortung, Rassismus in all seinen Formen entgegenzutreten, Gewalt zu benennen und sich für eine pluralistische und gerechte Gesellschaft einzusetzen.

Der Abend hat gezeigt: Die Erinnerung an Srebrenica bedeutet nicht nur, die Opfer zu würdigen, sondern auch aktiv an einer Zukunft zu arbeiten, in der sich ein solches Leid niemals wiederholt.

Kontakt: Mahmoud Abushuair